Die sonst eher konservativ agierende, auf strikte Einhaltung der Flugtarife achtende Lufthansa scheint jetzt mehr und mehr von ihrer strengen Preispolitik abzurücken. Dabei kommt sie auf Kollisionskurs mit der Staats-Schwester Bundesbahn.

Nach dem im April eingeführten "Holiday-Tarif" im Nordatlantikverkehr (Frankfurt–New York–Frankfurt: 887 Mark) ist nun bereits das nächste Sonderangebot in der Planung. Wahrscheinlich schon ab Frühjahr 1979 können Lufthansa-Passagiere auf den internationalen Langstreckendiensten der Gesellschaft neben First Class und Economy auch eine neue "Dritte Klasse" buchen. In ihr soll zwar nur ein magerer Service geboten werden, aber dafür lassen sich bis zu zwanzig Prozent des normalen Linienflugpreises einsparen. Um die voll zählenden Economy-Passagiere nicht zu verprellen, will man ihnen künftig mehr Service und Komfort bieten.

Auch im innerdeutschen Flugverkehr sind neuartige Offerten geplant. So wird noch in diesem Herbst eine positive Entscheidung über einen Liniendienst im 90-Minuten-Takt erwartet, der zunächst ab April 1979 zwischen Hamburg und Düsseldorf operieren wird. Dieser Service soll im ersten Stadium nur während der verkehrsärmeren Mittagszeit zwischen 11 und 15 Uhr angeboten werden.

Vielleicht entschließt man sich sogar zu einem regelrechten Shuttle-Verkehr, bei dem keine Vorausbuchungen notwendig wären, die Tickets noch in der Maschine gekauft werden können und trotzdem jedem Fluggast ein Sitzplatz garantiert wird. Immerhin hat es bereits Informationsgespräche mit British Airways gegeben; die Engländer führen nämlich seit langem mit großem Erfolg ganztägige Shuttle-Dienste zwischen London und Glasgow (alle 60 Minuten) durch. Auch die Lufthansa kann diesbezügliche Erfahrungen vorweisen. Anfang der sechziger Jahre ließ sie eine Super-Constellation im regelmäßigen Zeittakt zwischen Hamburg und Frankfurt pendeln.

Doch bevor sie jetzt eine Neuauflage verwirklichen konnte, gab es bereits die ersten Proteste dagegen. Philipp Seibert, Vorsitzender der Gewerkschaft der Eisenbahner Deutschlands (GdED), forderte Bundesverkehrsminister Kurt Gscheidle schriftlich auf, ein Veto gegen die Lufthansa-Pläne einzulegen. Begründung: Der Bundesbahn, die ebenfalls mit einem attraktiven Zeittakt um Kunden buhlt, könnten Fahrgäste Verlorengehen. Angesichts des ohnehin schon riesigen Defizits könne es wohl kaum im Interesse der Öffentlichkeit sein, wenn zwei staatlich kontrollierte Unternehmen sich derart Konkurrenz machten.

Die Luftlinie wehrt sich gegen die Vorwürfe: "Mit dem Zeittakt-Service wollen wir der Bahn überhaupt keine Konkurrenz machen! Lufthansa-Sprecher Helmut Kaulich sieht das Potential für den geplanten Dienst unter den Geschäftsleuten, die bislang mit dem Auto fahren, nicht unter Bahnkunden.

Ist nun das neue Angebot, das gegenüber dem Normaltarif um bis zu zwanzig Prozent billiger werden soll, ein Weiteres Indiz für ein Aufweichen der starren Flugpreise im innerdeutschen Luftverkehr? Kaulich: "Nein, mit Sicherheit nicht!" Werner Dageför