Daß der deutsche Aktienmarkt in den letzten Wochen spekulativer geworden ist, läßt sich deutlich an der wachsenden Zahl von Sonderbewegungen ablesen, von denen immer neue Aktien erfaßt werden. Stabilisierend wirkt, sich dabei aus, daß die Kurse der rasch heraufgesetzten Aktien bei nachlassendem Interesse nicht nennenswert zurückfallen, sondern sich bislang stets auf der erhöhten Basis gehalten haben. Solange niemand Geld verliert, bleibt auch die Stimmung an der Börse gut.

Es mag enttäuschend sein, daß die Harpen-Aktien nach, der Umstellung von der 100- auf die 50-Mark-Notiz nicht mehr weiter gestiegen sind, wo doch die Spekulanten erwartet hatten, der optisch niedrigere Kurs würde neue Käufer mobil machen. Doch darf nicht übersehen werden, daß sich vor der Notiz-Umstellung die Börsenkulisse gut mit diesen Papieren eingedeckt und den Kurs dadurch scharf nach oben getrieben hatte. Ehe sich der zweifellos nicht überteuerte Harpen-Kurs wieder nach oben in Bewegung setzen kann, müssen diese spekulativen Bestände abgebaut sein. Und das wird wohl noch einige Zeitdauern.

Mit Spannung verfolgt man in den Börsensälen jetzt den Schering-Kurs. Die von Krages abgegebenen Papiere sollen angeblich "potenten" Anlegern zum Kurs von nun 264 Prozent angeboten werden. Das wären über zehn Mark unter Börsenkurs. Dabei ist es ziemlich gleich, ob dieser Vorzugspreis stimmt oder nicht. Solche Plazierungen verstimmen in jedem Fall – und das merkt man noch lange am Kurs der Aktie.

Die drängende Nachfrage nach Horten-Aktien, die in dieser Woche einen neuen Jahreshöchststand erreichten, wird immer wieder mit Positionskäufen in Zusammenhang gebracht. Aus dem Hause Interversa, der deutschen Tochter der britischen B.A.T., ist zu hören, daß man an diesen Käufen nicht beteiligt sei. Man hätte zwar gern die von der Deutschen Bank und Commerzbank gemeinsam gehaltene Schachtelbeteiligung übernommen, um mit ihr zu der Horten-Majorität zu gelangen. Aber diese Beteiligung sei bisher nicht verkäuflich gewesen. Vielleicht liegt dies am Preis. 1969 waren die Horten-Aktien zum Kurs von 230 Mark plaziert worden, ein Kurs, den sie später nie wesentlich überschritten. Ein Geschäft war die Horten-Zeichnung also bislang nicht. Heute ist der Kurs nach einem Anstieg in diesem Jahr von 118 erst bei 177 Mark angelangt.

Das VW-Bezugsrecht lief weniger glatte als man es sich ursprünglich vorgestellt hatte. Der Bezugsrechtpreis gab von 28 auf 26 Mark nach, erholte sich später wieder auf 27,50. In Börsenkreisen entstand der Eindruck, daß während der Bezugsfrist für junge VW-Aktien der VW-Kurs wieder einmal aktiv gepflegt werden mußte, um ihn auf bisheriger Höhe zu halten. Das ist kein Wunder, denn die in diesem Jahr aufgelaufenen Kursgewinne (niedrigster Kurs: 163 Mark) von über 45 Prozent – im günstigsten Fall – reizen gerade dazu, die Ernte einzubringen. K. W.