Eine restriktive Kreditpolitik bremst die Expansionsgelüste von Fiat

Schon jetzt ist sie mit ihren 360 000 Quadratmetern überbauter Fläche die zweitgrößte Fiatfabrik der Welt: Fiat Automoveis S. A. in Belo Horizonte. Das brasilianische Werk könnte jährlich 200 000 Wagen herstellen. Doch zur Zeit arbeitet die erst vor 24 Monaten von Fiat-Chef Giovanni Agnelli eingeweihte Autofabrik nur mit halber Kraft. Die restriktive Kreditpolitik der brasilianischen Regierung hat ihren Expansionsrhythmus unterbrochen. Weil bei einem jährlichen Durchschnittseinkommen von 2500 Mark die meisten Brasilianer ihre Autos auf Kredit kaufen, erreichte die Junta ihr wirtschaftspolitisches Bremsziel schnell, als sie im Vorjahr die maximale Tilgungsfrist für Ratenkäufe von 36 auf 24 Monaten herabsetzte.

Dennoch ist die brasilianische Fiat-Direktion für die Zukunft optimistisch: In einem Land mit 110 Millionen Einwohnern und mit einem durchschnittlichen Anstieg des Sozialproduktes um sieben Prozent werden nach Ansicht der Verkaufsstrategen bald eine Million und mehr Personenwagen abzusetzen sein. Inzwischen tut Fiat alles, um den beiden im Lande produzierenden Konkurrenten, Volkswagen und Ford, möglichst viele Kunden abzujagen. Im letzten Jahr kam Fiat – bei einer Gesamtproduktion von 716 000 Wagen aller Hersteller in Brasilien – auf neun Prozent Marktanteil. Für dieses Jahr peilt die Gesellschaft dreizehn Prozent an.

Gewiß hat der newcomer tief im Herzen des Landes kein leichtes Spiel gegen die von der Küste operierenden Konkurrenten, die zudem bereits ein Jahrzehnt vor Fiat den Markt erschlossen haben. "Eine große Schwierigkeit hier im Staate Minas Gerais besteht darin, daß wir Bauern an Fabrikarbeit gewöhnen müssen, während die Konkurrenz in Sao Paulo über ein Hinterland mit technischer Tradition verfügt", klagte der brasilianische Fiat-Personalchef.

Maßgebend für den Entschluß der Turiner, in den Staat Minas Gerais zu gehen, war die Tatsache, daß Norditaliener vor zwei Generationen Belo Horizonte als Hauptstadt dieses brasilianischen Teils des Staates gegründet haben und die Nachkommen der Einwanderer immer noch einen starken Anteil an der Bevölkerung haben. Fiat konnte sich so rasch "einbürgern". Unter den zehntausend Beschäftigten des Fiat-Werkes sind nur noch 130 Spezialisten aus Italien.

Schnell ging auch, die Eingliederung in die neue wirtschaftliche Umgebung: Der Fiat-Konzern, der bis zur Einweihung des Werkes 615 Millionen Dollar investiert hatte, deckt heute dank neuer, in der Umgebung entstandener Betriebe 97 bis 98 Prozent des Zulieferbedarfs aus dem Lande. Vor kurzem hat eine Fiat-Gießerei mit 2500 Beschäftigten den Betrieb aufgenommen. Damit ist die vertikale Integration fast abgeschlossen. Die brasilianische Fiat-Tochter exportiert schon mehr als sie im Ausland bezieht.

Als einzigen Typ stellt Fiat in Brasilien den "147" her, eine auf die südamerikanischen Verhältnisse abgestellte Version des Fiat "127". Partner des Autokonzerns ist der Staat Minas Gerais; Dieser hält 45,29 Prozent des Grundkapitals von 750 Millionen Mark; Fiat hält 49,47 Prozent und die Fiat nahestehende schweizerische Holding Euramfin den Rest.