Von Karl-Heinz Wocker

London, im September

Auf dem Gewerkschaftskongreß vorige Woche war er so guter Laune, daß er eine alte englische Ballade von der draufgesetzten Braut, die vergebens in der Kirche wartet, nicht nur rezitierte, sondern in animiertem Sprechgesang vortrug. Die Delegierten in Brighton, vom Vorfieber der vermeintlich dräuenden Parlamentswahlen ergriffen, lachten schallend. Da war er, ihr Jim, dem trotz schlechter Umfrage-Ergebnisse ein Sieg zuzutrauen war. Der Sinn des Singsangs lag zwar darin, daß der Premierminister, wie er sagte, "nicht im Oktober am Altar" stehen werde. Aber die ganz Schlauen wußten, daß ja auch noch der 28. September im Gespräch war, einer jener wenigen Donnerstage, die als Herbst-Wahltermin in Frage kamen. Doch ohne daß sie es merkten, hatte Callaghan dem Kongreß das Geheimnis seiner Überlegungen verraten. wollte nicht die geprellte Braut sein. Nicht nur nicht im Oktober, überhaupt nicht in diesem Jahr wird gewählt.

Seither behaupten seine Gegner beglückt, nun habe er sich selber den ersten Tort angetan. Das Bild des durch nichts zu erschütternden, pausbäckigen Landesvaters, der Zuversicht verbreite und unerschrocken seine Ziele verfolge, sei endlich zerstört. James Callaghan habe als Höhenflieger abgedankt und sei unter die Fußgänger der Politik eingereiht worden. Die überwiegend bürgerliche Presse, aufs Schwerste blamiert durch das hervorragend gehütete Geheimnis der Nicht-Wahlen, machte aus verletztem Berufsstolz eine "politische Erkenntnis": Jim, der Allesfixer, wurde über Nacht zu Callaghan, dem Auch-nur-Feigen. Die Oppositionsführerin, Frau Thatcher, prägte die Formel, nun habe der Premier außer der Mehrheit im Parlament auch die Autorität im Volk verloren.

Der erste Ärger war verständlich. Inzwischen weicht er besonneren Einschätzungen. Callaghan hat nämlich durch nichts seine Autorität, die ja nur die geborgte seines Amtes sein kann, so schlagend bewiesen wie durch diese Entscheidung. Dem Hausherrn in Downing Street steht es nach Englands ungeschriebener Verfassung frei, innerhalb der Fünf-Jahres-Periode eines gewählten Parlaments den Termin von Neuwahlen zu bestimmen. Daß er dabei außer dem sogenannten Wohl der Nation, über das alle gern schwafeln, zuvörderst die Zukunft der eigenen Partei und nicht zuletzt die seiner eigenen Amtsführung im Sinn hat, wird von niemandem bestritten außer von Oppositionspolitikern, denen die jeweilige Handhabung dieses Privilegs nicht passen kann.

Wo steht es, daß ein Parlament nach vier Jahren nicht aufgefordert werden soll, bis zum Ende des fünften Jahres weiterzumachen? Als Macmillan 1963, vier Jahre nach den Wahlen von 1959, dramatisch abtrat, ließ er auch nicht das Parlament auflösen, obwohl die Umfragen einen veränderten Wählerwillen auswiesen. Er schob vielmehr in gutem Recht einen Statthalter vor, der dann bis zum letzten Tage Ende 1964 durchhielt und nur knapp geschlagen wurde. Die britische politische Praxis ist nämlich auf Kontinuität der Regierung abgestellt, nicht auf Machtwechsel. Jeder weiß das, auch Frau Thatcher, erst recht James Callaghan.

Die allgemeine Erwartung in den Wind schlagen und fortfahren, wenn auch mit der sicheren Aussicht auf Hagelschlag und Donnerwetter – wieso macht das den Feigling aus? Callaghan ist politisch tot, wenn er im Frühjahr oder Herbst 1979 verliert. Er weiß es, seine Rivalen wissen es, die Verschiebung bedeutet ein großes Risiko. Auch wenn nie nachzuweisen sein wird, wie Wahlen am 28. September oder 5. Oktober 1978 ausgegangen wären: Die neueste Umfrage hat soeben den Konservativen einen Vorsprung von fünf Prozent vor Labour bestätigt, mit mageren acht Prozent für die Liberalen, die allenfalls ein weiteres Minderheits-Kabinett Callaghan über die Runden bringen könnten. Als Wilson 1970 nach vier statt nach fünf Jahren frühzeitig zu den Urnen rief, lag Labour zum gleichen Abstand-Zeitpunkt vor den Wahlen acht Prozent vorn und verlor. Was alle aufs große Halali erpichten Kritiker Callaghans vergessen: Von einem ehemaligen Steuerinspektor, der es nach Erreichen seines Pensionsalters zum höchsten Administrator des Landes gebracht hat, dürfen keinerlei Neigungen zum Glücksspiel erwartet werden.