Daß Adenauers Boule-Bahn im Bonner Kanzleramt abgeschafft wurde, muß viele Leute interessiert haben, sonst wäre die Meldung darüber nicht so oft im In- und Ausland wiedergegeben worden, meist mit sanftem Bedauern. In positiver Form wurde diese Vernichtung der sportlichen Anlage aber auch unter Überschriften mitgeteilt wie: "Wo Adenauer boulte, läßt Loki Blumen blühen." Dazu ist einiges zu sagen.

Konrad Adenauer, erster Kanzler der Bundesrepublik Deutschland, besaß einen weichen Hut aus Cadenabbia am Comer See. Dort hatte er das Boccia-Spiel gelernt, das jung und munter erhält und Auge und Arm stärkt. So war es nur natürlich, daß er diesen Sport auch daheim, am Rhein, ausübte. Sein vierter Nachfolger nach Erhard, Kiesinger und Brandt hat eine Mütze, die er heilig hält, wie Goethes König (aus dem Faust) seinen Floh. Sie deutet auf Wassersport. Ja, sportlich sind Schmidt und Adenauer entgegengesetzte Naturen. Was kann also dem Mann mit der Mütze das sportliche Andenken an den Mann mit dem Hut bedeuten?

Boccia bedeutet den Italienern, was den Südfranzosen Boule bedeutet. Eine andere Art desselben Spiels ist im übrigen Frankreich unter dem Namen "Pétanque" überaus gebräuchlich. Die ersten beiden Namen sind etymologisch klar: Kugel. "Pétanque" jedoch ist ein Wort, das ich selbst deute, und zwar so, daß ich Clemenceau zitiere, der die enge Zusammenarbeit zwischen ihm und seinem Minister Mandel so beschrieb: "Je pète, il pue!" ("Ich pupe, er stinkt".) Petanque kommt nach meiner Deutung von pèter.

Hier die Regeln, wie sie auch in unserem Hause gepflegt werden: ein kleines, ursprünglich weißes Kügelchen, das Sabine mit Nagellack rot gefärbt hat, damit man es auf unserer viel zu sandigen Bahn besser sehen kann, heißt "Cochonette", Schweinchen. Es wird geworfen und dient als Ziel. Für die Spieler kommt es jetzt darauf an, im Wurf die ziemlich schweren, silbern schimmernden Metallkugeln möglichst nahe an das Schweinchen heranzubringen. Dies zwingt eine andere Notwendigkeit herbei: Die Kunst, die etwa Schön herangelegte Kugel des Gegners auch wieder wegzufeuern.

Dies sind, wie man leicht verstehen kann, verschiedene Methoden, so daß es gut ist, in Equipen zu spielen, mit den einen, die heranlegen, und mit anderen, die wegfeuern können. Unter meinen erprobten Mitspielern – um nur die Weiblichen zu nennen – verstehen Alexandra und Yvonne am besten das Ranlegen, Catherine und Lena jedoch das Wegfeuern. Ich selbst versage meist im einen wie im anderen; doch das nebenbei.

Konrad Adenauer verstand beides: die List, sich dicht, quasi auf Tuchfühlung, ans Schweinchen heranzuschmeicheln, wie auch die Kunst des pointer,des Pointierens, das heißt, den Gegner gezielt aus dem Spiel herauszusdimettern.

Hier keine Rücksicht zu nehmen, ist eine Regel, sowohl was Boccia und Boule als auch Petanque angeht. Und von einem Vertrauensmann, dessen Name fünfzig Jahre nach meinem oder seinem Tode, veröffentlicht werden wird, weiß ich, daß der Mann mit dem Hut einmal, als er mit seinem Sohn, dem päpstlichen Prälaten, Boccia spielte, eben diesen Würdenträgergrimmig anfuhr, indem er ihm in schönstem rheinischen Legato sagte: "Stell dich nete so domm an, Paul! Du bishienet in de Kirsch!"