Von Ulrich Schmidt

Der goat weg wie warme Weckli!" sagt Christoph Zülli, einer der drei Hersteller des Alternativ-Katalogs, im schweizerischen Freiburg. Von den Bänden 1 bis 3 sind bis jetzt 30 000 Stück verkauft, und dies bei einem Durchschnittspreis von 20 Mark. "Wir könnten leicht jedes Jahr einen neuen Band herausbringen. Stoff haben wir für 600 Seiten. Aber wir meinen, wir haben nun genug Papier bedruckt. Jetzt wollen wir irgendwas Neues machen."

"Alternativ", das Kennwort der Auswegsucher, hat sich entwickelt aus dem weltweiten Unbehagensseufzer "So kann es doch nicht weitergehen!" Aus dem wertneutralen Wort "Alternative" (Wahl oder Entscheidung zwischen zwei Dingen oder Möglichkeiten) ist ein Appell zum Umdenken und Umschwenken geworden, ein Appell zum Verlassen der verlockend bequemen, ausgetretenen Wege, die, wie die aufgeklärte Menschheit inzwischen weiß, aber noch nicht wahrhaben will, ins Verderben führen.

Man muß kein Genie sein, um das zu begreifen, und kein asketischer Sonderling, um daraus die Konsequenzen zu ziehen. Auch die Erfinder und Herausgeber des Alternativ-Katalogs halten sich eher für Durchschnittsbürger, vielleicht mit einem Schuß mehr Phantasie: der 31jährige Ingenieur Uwe Zahn, die Hausfrau Christa Weber und der 24 Jahre alte Kaufmann Christoph Zülli.

Allen dreien gemeinsam ist der Überdruß an ihrer bisherigen Lebens- und Arbeitsweise und der Entschluß, einen möglichst auch für andere begehbaren Ausweg aus der Misere zu finden. Der eine wohnt mit seiner Familie in Biel, die andere in einem kleinen Ort bei Bern, der dritte mit einer Wohngemeinschaft in einem Schloß bei Freiburg. Schon geographisch, aber auch von den unterschiedlichen Lebensumständen her, bilden sie eine "Dezentrale", wie sie ihnen als politisches Zukunftsideal vorschwebt, nachzulesen auf Seite 108 des Alternativ-Katalogs: "... eine gewaltfreie, dezentralisierte, dem Menschen und der Umwelt angepaßte Wirtschafts- und Gesellschaftsstruktur, die aus möglichst autarken, sich selbst bestimmenden, ohne Profit wirtschaftenden Einheiten bestehen".

Die Dezentrale verwirklicht den Grundsatz: Wenn es anders werden soll, muß ich bei mir selbst anfangen! Man wird also keiner Partei beitreten und von ihr das Heil erwarten, man wird auch keine neue Partei gründen, keine Beiträge kassieren, keine Posten vergeben, keine Reklame machen, keine Aufrufe verfassen, keine Missionsbewegung in Gang setzen. "Was bringt das Organisieren?" fragte Uwe Zahn. "Dann verfallen wir doch wieder in die alten Fehler. Wenn wir aber lernen, unsere Interessen selbst zu vertreten, brauchen wir keine Machtapparate." Von Umsturz ist nirgendwo die Rede, er paßt ohnehin nicht ins Bild. "Wir gehen nicht über die Grenzen hinaus, die der Staat uns setzt", sagt Zülli. "Vom Staat haben wir nichts zu befürchten, eher schon von den Multis. Aber die sind zentralisiert und deshalb uns gegenüber auf die Dauer doch im Nachteil."

Wie man seine Interessen selbst vertritt, dafür finden sich im Alternativ-Katalog eine Fülle von Beispielen aus allen Lebensgebieten. Eine auf den ersten Blick verwirrende Fülle. Beim Durchblättern meint man, in der Schweiz wimmele es nur so von Gesellschaftsreformern. Wer die 717 Seiten der drei Bände (Bestelladresse: Dezentrale, Postfach 81, CH-2500 Biel 7) nicht nur lesen, sondern beherzigen will, hat ein lebenslanges Lernprogramm.