Fünf Frauen werden demnächst vor Gericht ziehen, weil sie diskriminiert werden: An der Trocknungsanlage eines Chemiewerkes verrichten sie zwar die gleiche Arbeit wie ihre männlichen Kollegen, verdienen aber 40 Pfennig pro Stunde weniger als diese. Was diesen Frauen widerfährt, ist nicht außergewöhnlich, sondern die Regel, ist der alltägliche Verstoß gegen den Artikel 3 des Grundgesetzes, der gleiches Recht für Mann und Frau fordert.

Annemarie Renger, Vizpräsidentin des Bundestages, weiß das. In ihrem Buch "Gleiche Chancen für Fragen?" hat sie an zahlreichen Beispielen eindrucksvoll die Benachteiligung auf Grund des Geschlechts dokumentiert. Deshalb auch hat sie jene fünf Frauen ermuntert zu klagen, und sie wird sie? tatkräftig unterstützen: mit einem; Anwalt, mit Geld und, wenn nötig, bei der Suche nach einem neuen Arbeitsplatz.

Doch eine solche Aktion ist sozusagen nur ein Privatvergnügen, räumt die vielen Stolpersteine in unserer gesellschaftlichen Wirklichkeit, die man getrost frauenfeindlich nennen darf, nicht gründlich aus dem Weg; Frau Renger denkt deshalb auch über eine politische Lösung des Problems nach. Und nicht nur sie: Die Bundesregierung ist durch die Europäische Gemeinschaft aufgefordert, dafür zu sorgen, daß bis Juli 1979 Diskriminierung auf Grund des Geschlechts in der Arbeitswelt gesetzlich verboten wird.

Die Frage lautet: Bräuchen wir ein Anti-Diskriminierungsgesetz, und brauchen wir eine Kommission oder Behörde, die über die Gleichbehandlung von Männern und Frauen wacht und Verstöße sanktioniert? Ähnliches haben England und Amerika bereits verwirklicht – und zwar mit gutem Erfolg.

Doch Annemarie Renger überzeugen diese Vorbilder nicht. Sie sagt, ein Anti-Diskriminierungsgesetz ähnlich dem englischen "Sex Discrimination Act" von 1975 "wäre ein Fremdkörper im deutschen Recht, das sich in der Anlage vom kasuistischen richterlich geprägten angelsächsischen Recht unterscheidet". Sie plädiert für eine Verdeutlichung schon bestehender Gesetze durch besondere Vorschriften. Und eine Kommission oder Behörde (dem Bundeskartellamt vergleichbar), die Betriebe untersuchen darf, ein Klagerecht hat und gezielt Druck ausüben kann, hält Frau Renger verfassungsrechtlich für bedenklich: So weitgehende Kompetenzen würden die Tarifautonomie der Gewerkschaften einschränken.

Beide Argumente ziehen nicht. Kleine gesetzliche Veränderungen, Ergänzungen würden vielleicht für den Einzelfall juristisch hilfreich sein, die Diskriminierung als strafbaren Tatbestand aber nicht ins allgemeine Bewußtsein heben. Und warum sollte die Einrichtung einer Bundesbehörde mit wirksamen Kompetenzen die Tarifhoheit einschränken? Den Tarifparteien obliegt die Regelung der Arbeitsbedingungen, was doch aber den Gesetzgeber nicht seiner Aufgabe enthebt, arbeitsrechtliche Probleme zu regeln. Er tut dies ja auch ständig – Beispiel: Mutterschutz.

Frau Renger aber plädiert für eine "Gleichstellungsstelle" in Gestalt eines parlamentarischen Staatssekretärs beim Bundesminister für Jugend, Familie und Gesundheit. Der hätte allerdings nur die Funktion eines Beschwerdebriefkastens.