Von Klaus Viedebantt

Draußen auf See sah es grau und unerfreulich aus, aber hier in Heiligenhafen, am Yachtanlegeplatz, strahlte wenigstens ein matter Abglanz von Sonne, als die "Tsantali" einlief – die ersten Sonnenstrahlen, seit wir vor gut einer Woche die Rückreise von Bornholm aus entlang der schwedischen und der dänischen Küste angetreten hätten. Wir – das stimmte nur streckenweise, denn ich stand jetzt schon am Steg und nahm Freunde und Boot in Empfang.

Drei Tage zuvor hatte ich drüben im schwedischen Trelleborg vorzeitig abgemustert und war mit dem Fährschiff zurück nach Deutschland gedampft. Geschäftliche Termine standen in Hamburg an. Aber auch ohne sie war es mir nicht schwergefallen, den Platz an der Ruderpinne mit dem Sessel an der Bar der Fähre zu vertauschen. Das Mistwetter, das uns auf dem zweiten. Teil der Tour mit allem nur denkbarem meteorologischen Unbill versorgt hatte, wäre wohl auch passionierten Seglern an den Nerv gegangen. Und das mir Schönwettersegler auf meinem ersten größeren Törn – da soll man nun nicht die Segel reffen.

Kaum war unser schlankes Schiff auf seinem Liegeplatz vertäut, erzählten mir die Freunde den weiteren Verlauf ihrer Seefahrt ohne mich, die so lustig nicht war: "Beinahe wären wir mit Mann und Maus abgesoffen. Du hast wirklich was versäumt.. Die Mastverspannung hat sich nämlich auf der einen Seite gelöst, und das bei Windstärke fünf bis sechs." Ich guckte betont teilnahmsvoll, aber anscheinend auch erkennbar, unwissend. "Du hast ja keine Ahnung, wie gefährlich das ist!" wurde mir auf den Kopf zugesagt. Ich nickte ergeben und fragte pflichtschuldigst: "Was bedeutet das denn? Warum ist das gefährlich?"

Meine Freunde, glückliche Absolventen einiger Stunden Segelkursus, stöhnten auf: "Du Landratte! Da hätte sich der Mast aus der Verankerung reißen und durch den ganzen Rumpf donnern können. Mit dem Leck wären wir binnen Minuten baden gegangen. Bei dem Wellengang und ohne Küstensicht!"

Ich erinnerte mich an einen Vorfall wenige Tage vorher. Auf dem Weg hinüber nach Bornholm, bei ruhiger See und gutem Wetter, war einem von uns der Enterhaken aus der Hand gerutscht und ins Wasser gefallen. Wolfgang, unser Skipper, rief geistesgegenwärtig "Mann über Bord". Das Manöver, eines der wichtigsten auf See, hatte er mit seinen Urlaubskadetten selbstverständlich geprobt, bevor wir die heimischen Gewässer verließen. Deshalb wußten, wir: Man muß eisern auf jenen Fleck starren, wo der Mann in die Fluten gefallen war, um ihn im Wellen-Einerlei nicht aus den Augen zu verlieren. So hefteten sich unser aller Blicke auf den schnell, davontreibenden Holzstab, während Wolfgang das Boot wendete und zum "Unglücksort" zurückdirigierte.

An diesem Abend erreichten wir unseren Hafen ohne das nützliche Utensil; nicht auf Grund mangelnder. Steuerkünste unseres Vormannes, sondern weil wir den dümpelnden Haken binnen Minuten aus der Sicht verloren hatten und nicht, wiederfinden, konnten. Angesichts dessen war die Vorstellung, dank gerissener Mastverspannung in der trotz sommerlicher Daten frostigen Ostsee auf scharfäugige Retter zu hoffen, überhaupt nicht verlockend.