Von Hans Schueler

Szene aus einem Western: Als der Sheriff herantritt, springt der Bösewicht auf, zieht seine Pistole, wirft den Tisch um, kommt aber nicht mehr zum Feuern. Denn der Hüter des Gesetzes hat um den Bruchteil einer Sekunde schneller gezogen. So verkaufte Bild am Freitag letzter Woche seinen Lesern den Tathergang bei der Erschießung des mutmaßlichen Terroristen Willy Peter Stoll in Düsseldorf. Weil es keine Photos gab, ließ das Blatt die Szene zeichnen, stilecht, nur mit dem kleinen Unterschied, daß sie nicht in einem Saloon spielt, sondern in einem Chinarestaurant.

Selbst die Polizei, die ja Wert darauf legen muß, daß ihre beiden Beamten von der Zivilstreife "Düssel 3" Stoll eigentlich festnehmen wollten und daß sie ihn nur in Notwehr erschossen, fand diese Darstellung peinlich. Denn es war ganz anders. Die Polizisten, von einem Gast alarmiert, betraten das Lokal in der bloßen Vermutung, sie könnten Stoll vor sich haben. Um sich zu vergewissern, setzten sie sich zunächst an einen Nebentisch und beobachteten den Mann. Doch sie konnten ihn nicht sicher identifizieren. Sie entschlossen sich dennoch zur Festnahme – mit Hilfe eines Tricks. Eine Panne wie die von Michelstadt wollten sie nicht riskieren. Einer der beiden schimpfte hörbar vor sich hin, er habe, verdammt, schon wieder sein Feuerzeug vergessen. Dann stand er auf, ging zu Stoll und bat ihn um Feuer. Während der Beamte sein Gegenüber auf diese Weise abgelenkt wähnte, griff er rasch zum Revolver, zielte auf Stoll und rief: "Hände hoch, Polizei!"

Daraufhin, so die offizielle Version, "versuchte" Stoll seinerseits, seine Pistole, Marke Smith & Wesson 9 mm, aus einem Schulterhalfter zu ziehen. Der Griff nach der Waffe war in dieser Lage selbstmörderisch. Der Polizist schoß aus kürzester Entfernung viermal. Er traf Stoll ins Handgelenk, in den Arm, die Schulter und – tödlich – in die Brust. Hinterher gab er zu Protokoll, er sei im entscheidenden Augenblick ganz kühl gewesen. Das ist schwer vorstellbar, obgleich der Beamte im Gegensatz zu seinem ihn begleitenden Kollegen eine Ausbildung als Präzisionsschütze hatte. Jedoch sollten ausseiner Bemerkung keine falschen Schlüsse gezogen werden: An der Notwehrsituation gibt es nach allem, was bekannt wurde, keinen Zweifel.

Am Tag nach Stolls Tod entschloß sich die Düsseldorfer Polizei zu einer weitgefächerten Suchaktion, die in dieser Form wohl nur aus der Furcht vor der Wiederholung der Fahndungspanne von Erftstadt-Liblar im Fall Schleyer zu erklären ist. Möglicherweise, so kombinierte man, war der Erschossene von einer konspirativen Wohnung aus mit der Straßenbahn in die Innenstadt gefahren. Die Haltestelle, an der er zugestiegen war, ließ sich aus dem bei ihm gefundenen Fahrschein entnehmen.

Also durchstreiften Suchtrupps alle größeren Wohnanlagen in der Umgebung und gerieten dabei auch an das Haus Augustastraße 28. Sie befragten dort wie auch in den anderen Häusern zunächst den Hausmeister unter Vorlage der Fahndungsphotos gesuchter Terroristen, ob er in ihnen womöglich Hausbewohner erkenne. Er erkannte niemanden. So taten die Beamten, was sie in dieser Lage allein tun konnten: Sie gingen von Tür zu Tür, klingelten und befragten die Bewohner. Sie klingelten auch an der Tür des Apartments, von dem sich wenige Stunden später herausstellte, daß es ein Terroristen-Hauptquartier war, jenes von BKA-Präsident Herold poetisch umschriebene "Pharaonengrab, die größte Quelle, die wir je angezapft haben".

Den Fahndern wurde nicht geöffnet. Es könnte sein, daß hinter der Tür ein paar Leute den Atem anhielten, die zu den meistgesuchten der Szene gehören: Silke Maier-Witt, Adelheid Schulz, Angelika Speitel, vielleicht auch Rolf Heißler und Inge Viett. Denn das Nest war, als es Stunden später aufgesprengt wurde, noch warm. Fürs erste zog der Suchtrupp weiter. Die Gesamtaktion wurde noch am gleichen Tag ergebnislos abgebrochen.