Von Wolf Biermann

12.

Es war am 26. Februar. Na und? Ja, aber es war im Jahr 1978! In Hamburg, in irgendeinem Drecklokal, trafen sich Faschisten. Die Veranstaltung war angemeldet, vom Senat genehmigt. Na und?

Ich wußte nichts davon. Eine Frau redete aufgeregt am Telephon: Wolf komm her, hier ist was los, die Polizei haut uns zusammen. Luruper Hauptstraße, leicht zu finden, weil ein Hubschrauber über uns kreist.

Straßensperren schon weit vorher. Blaulicht, Umleitungen. Als ich endlich hinkam, sah ich ein paar hundert junge Leute vor Stahlrohrsperren, hinter denen eine Polizeikette stand. Im Hintergrund ein Haus, in dem die Versammlung stattfand. Ein Polizeihubschrauber knatterte über der Szene. Die Polizisten mit den Plastikschildern, die ich nur von Brokdorf-Photos kannte, die linken jungen Leute mit Motorradhelmen ohne Motorrad und mit Fahnenstangen ohne viel Fahne dran. Als ich auftauchte, gab es Hallo. Die Zeitungsphotographen stürzten los: Biermann mit Polizistenkette im Hintergrund. Biermann im Kreise linker Terroristen und Sympathisanten mit Helmen und Stangen. Das übliche Affentheater. Klick, klack, klack. Ich fragte was rum, und ich erfuhr, daß einer von denen, die da vor uns geschützt wurden, als SS-Mann in Auschwitz gearbeitet hatte. Und ein anderer soll erklärt haben, daß er jedem 50 000 Mark geben will, der den Beweis erbringt, daß auch nur ein einziger Jude in Auschwitz vergast wurde. – Ja, wenn’s Buchenwald gewesen wäre oder Mauthausen. Aber Auschwitz. Ich dachte an meine Mutter, wie sie kurz nach dem Krieg in Auschwitz wie wahnsinnig die Flure langsuchte, die tapeziert waren mit den Paßphotos von Häftlingen, die nicht gleich ins Gas geschickt wurden, sondern vorher noch arbeiten durften ....Ich wollte, nein, was Verrücktes in mir wollte da durch die Polizeikette und in das Haus und den SS-Mann, nein, nichts ihm antun, nein, ihn fragen, so als sei er eins der Opfer oder ein Unbeteiligter, der zufällig dabeigewesen war – ich wollte fragen: Haben Sie l942 noch Dagobert Biermann im Lager I. gesehn? – Und dann die drei Mädchen. Sie traten auf mich zu mit so einem offiziösen exekutiven Delegationsschritt: Wir möchten an dich zwei Fragen stellen.

Erstens, warum läßt du dich hier photographieren?

Ich laß mich nicht, ich werde eben photographiert.