Von Eduard Neumaier

Gewiß haben sich die Organisatoren des Katholikentages in Freiburg viel dabei gedacht, als sie diesem 85. Treffen der katholischen Laien das Motto voranstellten "Unsere Hoffnung – Zeugnisse der Gegenwart". In acht Diskussionsgruppen werden diese Zeugnisse vorgestellt: der Katholizismus in Polen; Aufbrüche in den Nachbarländern; Kirche und Politik in Spanien; Solidarität am Beispiel des Erdbebens in Friaul; kirchliche Dynamik in Lateinamerika; Kirche in Afrika; Kirche in der Apartheid-Gesellschaft; Christentum in Asien. Unwillkürlich fragt man sich, ob der Katholizismus in Deutschland so verzagt ist, daß er seine Hoffnung überall, nur nicht mehr im eigenen Land sucht.

Noch vor vier Jahren beim Katholikentag in Mönchengladbach hatten die Teilnehmer über die eigenen Angelegenheiten diskutiert. Diesmal scheint es, als habe es der Katholizismus in der Bundesrepublik aufgegeben, noch eine politisch mitgestaltende Kraft zu sein. Um so beklagenswerter ist diese Abwendung vom eigenen Wirkungsfeld, als am Samstag erstmals ein sozialdemokratischer Bundeskanzler vor die katholischen Laien und die große Zahl der erwarteten Bischöfe tritt. Offensichtlich will er einen Dialog zwischen Kirche und Koalition wieder aufnehmen, der vor zwei Jahren in der Debatte über die Grundwerte verheißungsvoll begonnen hatte, Damals, ein Novum in der Nachkriegszeit, wurden gegensätzliche Positionen ernst und weitgehend frei von polemischen Unterstellungen beschrieben und begründet.

Viele Ursachen haben zum Ende des Dialogs geführt: Die tägliche Politik, die langwierigen wirtschaftlichen und sozialen Probleme, der Terrorismus ließen den Politikern wenig Zeit zum Philosophieren. Entscheidend für das Verstummen sind indessen andere Gründe gewesen: Der Kanzler bestritt die Diskussion für die Koalitionsseite praktisch allein; nur sporadisch und eher pflichtbewußt assistierte ihm Egon Bahr; die Sozialdemokratische Partei jedoch kapitulierte vor der Mühe, sich mit einer Kirche auseinanderzusetzen, die gegen viele hochfahrende, manchmal auch hochgestochene Reformpläne Sturm gelaufen ist, nicht ohne Erfolg.

Umgekehrt haben die Kirche und viele Gläubige enttäuscht und verbittert das Gespräch mit einem politischen Lager eingestellt, das gegen allzu viele christliche Grundsätze, aus der Sicht der Kirche aber auch gegen eherne Grundwerte verstoßen hat. Schlimmer noch: Das sozial-liberale Lager steht im Verdacht, als unveräußerlich und unveränderbar betrachtete Grundwerte umstoßen zu wollen, um neuen Werten Platz zu schaffen, Gelegentliche Übereinstimmungen und Annäherungen zwischen katholischer Soziallehre und sozialdemokratischem Sozialverständnis ändern nichts an diesem Dissens.

An Beispielen solcher Umwertung fehlt es nicht: da ist der Eingriff in das Elternrecht, der aus Eltern sozusagen gesellschaftlich legitimierte Sozialhelfer macht; da ist das gesetzlich sanktionierte Recht, ungeborenes Leben unter präzisen, auch unter schwer definierbaren Bedingungen wie der sozialen Indikation zu töten; da ist schließlich die scheinbar umgehemmte Lust zum wissenschaftlichen Experiment mit der menschlichen Natur.

In vielen Geschehnissen, die zwar nicht die Grundwerte, aber das sittliche Empfinden von Christen verletzen, sah und sieht die katholische Kirche böswilligen Vorsatz der sozial-liberalen Koalition: das Sexualstrafrecht ist liberaler geworden; an den Schulen greift die Ideologisierung um sich, doch gleichzeitig werden christliche Anschauungen zurückgedrängt; das Subsidiaritätsprinzip in Krankenhäusern ist gefährdet. Viele Katholiken fragen nicht grundlos, ob Grundwerte unter dem Vorwand, individuelle Rechte zu sichern, privatisiert werden, während tatsächlich völlige Freizügigkeit, die Loslösung von lästigen Pflichten und lästiger Verantwortung zu neuen Grundwerten erhoben werden.