Von Hansjakob Stehle

Verwundert mag sich mancher Zeit-(und Partei-)Genosse in der letzten Zeit die Augen gerieben haben: Was für Kommunisten sind jene Streiter für Recht und Ordnung, die sich in Italien als Stützen des "bürgerlichen" Staates gegen terroristische Bedrohung, ja als getreueste Verbündete einer christdemokratischen Partei erwiesen? "Eurokommunisten"? Neue Äste am alten Stamm? Aufgepfropft nur oder aus eigener Wurzel gewachsen?

Wo es an klaren Begriffen fehlt, läßt sich mit Worten trefflich streiten, besonders mit Schlagworten – so wäre Goethes Mephisto zu ergänzen. "Eurokommunismus" ist ein solches Wort geworden, verteufelt oder verklärt – je nachdem ob man das, was in seinen Details steckt, vergröbert oder verkennt. Also eine neue Strategie oder eine alte Taktik? Oder nur ein Slogan für denkfaule Analytiker?

Keines der Bücher, auf die hier aufmerksam zu machen ist, gibt für sich allein eine eindeutige, überzeugende Antwort – was kein Nachteil sein muß. Denn jedes dieser Bücher vermittelt bedenkenswerte Informationen und Argumente, die schon der Art des Themas wegen nicht auf einen simplen Nenner zu bringen sind. Etwas enttäuschend – für den, der gerade von diesem Autor Gründlicheres erwartet – ist der Versuch von

Wolf gang Leonhard: "Eurokommunismus. Herausforderung für Ost und West", C. Bertelsmann Verlag, München 1978, 413 S., 34,– DM.

Wenn man sich mit dem dürren (durch lange Prawda-Lektüre geprägten?) Stil des Autors abfindet und sich auch damit begnügt, von manchem "Stattfindenden" und Zitierten immer wieder nur zu lesen, daß es "richtungweisend", "beachtenswert" oder "berühmt" war, so erfährt man gleichwohl etwas Wesentliches: Was heute Eurokommunismus genannt wird, hat eine lange Vorgeschichte, wurzelt in frühen Zweifeln am allein-seligmachenden Sowjetmodell Stalins, in der jugoslawischen Rebellion, im chinesischen Schisma, in bitteren ungarischen, polnischen, tschechoslowakischen und rumänischen Erfahrungen, ist also, wie Leonhard richtig feststellt, ,,Resultat eines fast 30jährigen Wandlungsprozesses im Weltkommunismus". Doch die Schwierigkeit beginnt, wenn eben dieses Ergebnis, die Eigenart dieses "langfristigen Wandlungs- und Emanzipationsprozesses", untersucht und, bewertet werden soll.

Die "gemeinsamen Zielsetzungen", die Leonhard den italienischen, französischen und spanischen Eurokommunisten zuschreibt, beruhen entweder auf kleinsten gemeinsamen Nennern – wie etwa der (wie weit gehenden?) "kritischen Einstellung zur Sowjetunion" und einem (welchem?) "demokratischen Weg zum Sozialismus" – oder aber in irrigen Annahmen. So ist die "Abkehr von der leninistischen Parteistruktur" nicht nur, wie Leonhard meint, "unterschiedlich deutlich sondern erst in sehr verschiedenem Maße begonnen worden, wenn überhaupt beabsichtigt. Den drei Parteien pauschal einen Verzicht auf eine "führende Rolle" innerhalb der angestrebten innenpolitischen Bündnisse zuzuschreiben, ist eine von vielen schematischen Vereinfachungen, durch die Leonhard seine richtige Grundthese eher gefährdet als stützt.