Von Werner Dageför

Der schwarze Mann in der schneeweißen Steward-Uniform krümmt sich zu einer leichten Verbeugung und strahlt: "Welcome on board, Sir!" In Gedanken zum wiederholten Male mit der Frage beschäftigt, ob die Handbremse des eben abgestellten Autos denn auch wirklich fest genug angezogen ist, weil man ja nie weiß, wie rauh die See werden kann, bin ich von der freundlichen Begrüßung angenehm überrascht. Ein Empfang wie auf dem Kreuzfahrtdampfer. Dabei habe ich nur ein ganz normales Fährschiff betreten: M. V. "Norstar", mit 13 000 BRT einer der größten Pötte im Linienverkehr zwischen England und dem Kontinent.

Später erfahre ich, daß man den ersten Kontakt mit den Fahrgästen ausschließlich afrikanischen Besatzungsmitgliedern überläßt. "Die sind nämlich ganz besonders höflich und zuvorkommend, und es macht ihnen auch nichts aus, einen Diener zu machen und die Passagiere mit ‚Sir‘ und ‚Madame‘ anzusprechen, obgleich die vielleicht gerade mühsam aus einem Kleinwagen geklettert sind", erklärt Arie Skipper, der holländische Chief Purser mit dem ungemein maritimen Namen, als ich mich in seinem Büro zum "Dienstantritt" melde. Gleich nach der Schule ist er zur See gefahren, schon bald zum Steward avanciert und heute Chef von 45 Untergebenen. "Das ist die Hälfte der gesamten Crew", betont er stolz, "alle, die sich hier an Bord um die Passagiere kümmern, hören auf mein Kommando!" Seine Autorität, die durch die goldenen Streifen am Ärmel der perfekt sitzenden, tiefblauen Uniform noch unterstrichen wird, reicht also vom Kartoffelschäler über die Kabinen-Stewards bis zum Barmann.

Doch jetzt, kurz vor dem Auslaufen des Schiffes im Hafen von Rotterdam, hat Mijnheer Skipper keine Zeit für längere Gespräche. Die Passagiere, in der Hochsaison sind es oft mehr als 1200, drängen zum Informationsbüro. Eine ältere Dame hat sich in den verschiedenen, übereinanderliegenden Decks verlaufen, kann ihre Kabine nicht finden. Geld wird umgetauscht (an Bord wird nur das englische Pfund Sterling akzeptiert). Ein bärtiger Engländer, der als Gastarbeiter bei Karmann in Osnabrück die Produktionsrekorde der deutschen Automobilindustrie mitverwirklichen hilft, fragt nach der Bar. Der "wegen des vielen Geldes" vergitterte Info-Schalter ist in der Regel mit zwei Personen besetzt, dem Stellvertreter des Pursers und einer jungen Assistentin. Der Vize schiebt eine Cassette in das Tonband der überall installierten Lautsprecheranlage: "An alle Besucher des Schiffes, die nicht mit nach Hull fahren wollen: Verlassen Sie bitte das Schiff, wir laufen in zehn Minuten aus!" Alle Routine-Durchsagen sind auf Cassetten gesprochen, eine für die Öffnungszeiten des Duty-Free-Shops, eine mit der frohen Mitteilung, das Abendessen könne nun eingenommen werden, eine zum Wecken am nächsten Morgen. Immer in drei Sprachen – englisch, holländisch, deutsch. Der deutsche Text wird von einer Dame gesprochen, so aufreizend langsam, als wäre er einem German language course der BBC entnommen.

So ganz nebenbei stellt der Vize noch eine Liste für den Kapitän zusammen. Bei der Abfahrt will der immer wissen, wie viele Passagiere, Autos und Fahrräder an Bord sind. Lastwagen, Busse und Pracht Werden auch vermerkt. Die Assistentin wechselt weiterhin Gulden und Mark in Pfund um und erfüllt ausgesprochen freundlich alle Informationswünsche. Zwei Stunden später, bereits auf hoher See, hat der Andrang der Fahrgäste nachgelassen. Warum sie ausgerechnet auf einem Schiff arbeitet, will ich wissen, und ob es ihr in dieser allein von Männern bestimmten Mannschaftshierarchie gefällt? "Es macht mir großen Spaß, und mit den Männern komme ich prima aus", sagt sie und setzt an zu einer Ohrfeige für den Traumberuf unzähliger Teenager: "Vorher war ich Stewardeß bei KLM. Aber da im Flugzeug ist man eben nur Serviererin, mehr nicht!" Zwei Wochen lang informiert und lächelt sie ununterbrochen, dann gibt es eine Woche Urlaub. Der einzige Nachteil gegenüber ihrer Luftlinien-Kellnerei ist der schlechtere Verdienst, Rand 2200 Mark werden ihr pro Monat überwiesen.

Purser Skipper mag über seine Heuer nicht gern reden. Er legt einige Bündel Bares in den massigen Geldschrank, verschließt sorgfältig die Tür und lädt mich zu einem Inspektionsgang über das Schiff ein. Nach dem zweiten. Bier an der Bar der Continental Lounge verrät er mir die Philosophie seines Berufsstandes: "Ein guter Purser raucht nicht, trinkt nicht und guckt nicht nach fremder Leute Frauen!" Wird es ihm nicht langweilig, Tag für Tag zwischen den sich an Häßlichkeit gegenseitig überbietenden Fährhäfen von Rotterdam und Hull hin- und herzufahren? "Ach, wissen Sie, wir fühlen hier eigentlich gar nicht mehr, daß wir fahren. Das ist wie im Hotel. Wenn ich morgens aufwache, weiß ich oft nicht, ob wir in England sind oder in Holland!"

Der Chef der "größten Abteilung an Bord", wirft einen Blick hinüber zum Black-Jack-Table, hinter dem eine attraktive Asiatin die Bank hält. Sie scheint kräftigen Umsatz zu machen, und mir wird denn auch versichert, daß der Spieltisch für die Reederei ein gutes Geschäft ist. Nächste Station unseres Rundgangs ist das Selbstbedienungsrestaurant, Cafeteria genannt. Die Speisung der Passagiere geht reibungslos vonstatten. Am Eingang steht einer der netten schwarzen Stewards. Per Handzeichen verständigt er sich mit seinen Kollegen und läßt nur jeweils so viele Gäste ein, wie gerade freie Plätze vorhanden sind. Trotzdem gibt es kaum Wartezeiten. Abendessen und Frühstück sind im Passagetarif inbegriffen. Entsprechend kräftig wird das kalte Büfett abgeräumt. Auch einige warme Speisen wie Fisch und Fleischgerichte können an zwei großen Tresen geordert werden.