ARD, Sonntag, 10. September: "Frühlingsreise – Zum 200. Geburtstag von Clemens Brentano", von Jochen Richter

Clemens Brentano – ein gutartiger Mephistopheles. Clemente – der Heilige aus ostindischer Brahmanen-Kaste. Brentano – ein zum Anarchistischen neigender Exzentriker, dem es so wenig wie seiner Schwester Bettine gelingt, auf einem Parterre des Witzes und des Extraordinairen einen freundlichen häuslichen Garten anzulegen. Wie immer die Attribute, geschwisterliche Bezeichnungen oder Etiketten, geprägt von Freunden, auch lauten mögen: Es gibt, mit Ausnahme Heines, keinen deutschen Lyriker, der schon zu seinen Lebzeiten mit soviel verbalem Witz angesprochen wurde wie Clemens Brentano – einerlei, ob die Beschreibungen Ausdruck warnender Beschwörung oder faszinierten Entsetzens waren.

Der Mann mit den vielen Talenten und dem Dämon namenloser Unruhe (wie ihn Sophie Mereau, seine Geliebte und spätere Frau, nannte), der arme Teufel, dem plötzlich bewußt wurde (so Clemens Brentano über sich selber), daß er ohne Logik und Fassung sei, voll von Einfällen, die oft nicht stichhalten, aber stechen: Dieser Katholik mit der Tendenz zum Abgrund, fromm und wunderlich, hellwach und verschroben, ein Träumer am Rande des Wahnsinns – dieser vor zweihundert Jahren geborene Schriftsteller, Sektierer, Prophet und ... Versager ist den Zwanzigjährigen von heute zu einer Art von unsichtbarem Verfechter geworden.

Clemens Brentano, das ist nächst Goethe, Hölderlin und Heine jene Figur in der Geschichte der deutschen Poesie, die, weit über die eigene Zeit hinausweisend, die Poeten zu den glanzvollsten Formulierungen provoziert hat. Es beginnt bei Eichendorff, der neben den Frauen, Sophie Mereau oder der Günderode, Brentanos Zwiespältigkeit, beruhend auf dem unversöhnlichen Kampf mit dem eigenen Dämon am genauesten diagnostiziert und den Gefährten anschaulich beschrieben hat. ("Klein, gewandt und südlichen Ausdrucks, mit wunderschönen, fast geisterhaften Augen, war er wahrhaft zauberisch, wenn er selbst komponierte Lieder oft aus dem Stegreif zur Gitarre sang.") Das setzt sich bei Heine fort, in der Analyse des Brentano’schen Stils mit seinen verrückten, schlendernden Phrasen und bucklicht-kurzbeinigen Witzen. ("Und das tanzt und hüpft und wirbelt und schnarrt, und drüben erschallen die Trompeten der bacchantischen Zerstörungslust.") Das geht weiter mit Ricarda Huchs Darstellung des Produktions-Genies, das nie etwas gelernt habe, und das hat mit Hans-Magnus Enzensbergers Brentano-Dissertation noch längst kein Ende gefunden.

Clemens Brentano, weiten preisen nahezu unbekannter, unter Eingeweihten dagegen hochberühmter Mann, verdiente es schon, bei Gedeutschen Fernsehen vorgestellt zu werden.

Und siehe, sie hatten einen vernünftigen Einfall, die Produzenten von der ARD. Ein Schauspieler-Trio, so ihre Konzeption, zwei Männer und eine Frau, sollten den im Jahre 1802 den Rhein entlangwandernden Geschwistern Clemens und Bettine und dem Gatten-Schwager Achim von Arnim nachziehen, sollten die drei zitieren und in die Gegenwart einholen.

Ein guter Plan, doch leider nur ein Plan, zu dessen Realisierung bestenfalls ein paar stimmungsvolle, von Melancholie und Romantik zeugende Rhein-Bilder beitrugen. Der Einfall der Nach-Reise wurde dilettantisch verspielt. Statt die Brücke zwischen dem Gitarrenspieler von damals und den Gitarrenspielern von heute zu schlagen, beschränkte man sich, mal im Auto, mal im Freien, auf eine Wiedergabe Brentano’scher Texte.