Am Beispiel Veba: Der Mineralöleinkauf ist eine Rechnung mit vielen Unbekannten

Von Heinz-Günter Kemmer

Die blutigen Unruhen im Iran, mit einer Förderung von 276 Millionen Tonnen 1977 zweitgrößter Ölproduzent innerhalb des Opec-Kartells, sowie immer dringlichere Forderungen nach einer Erhöhung des Rohölpreises zum Ausgleich des sinkenden Dollarkurses und schließlich Gerüchte, die Araber planten einen neuen Ölboykott, falls die Gespräche zwischen Israels Ministerpräsident Begin, Ägyptens Staatspräsident Sadat und US-Präsident Carter in dieser Woche scheitern, sorgen seit Wochen für Aufregung am Mineralölmarkt. Zeitweise stark steigende Tankerraten schienen Informationen zu bestätigen, daß die Mineralölkonzerne Öl horten, um im Fall einer Verknappung oder Verteuerung Millionengewinne einzustreichen.

Doch wie rasch aus erträumten Profiten hohe Verluste entstehen können, wenn die Einkäufer falsch disponieren, zeigt das Beispiel der Veba. Ob das größte deutsche Unternehmen in diesem Bereich mit roten oder schwarzen Zahlen schreibt, hängt davon ab, zu welchen Preisen Herbert Heneka, Vorstandsmitglied der Veba-Chemie, Rohöl einkauft und zu welchen Frachtraten und mit welchen Schiffen er es transportieren läßt – und ob er die Entwicklung im Nahen Osten und an den Devisenmärkten richtig einschätzt.

Wer bei diesem Geschäft möglichst gut davonkommen will, muß daher mehr als nur Mineralölfachmann sein. Eine Gabe zur Prophetie gehört dazu, seit der Dollarkurs immer heftigere Bocksprünge macht. So lag Ende vergangenen Jahres die gesamte Branche auf der Nase, weil sie in Erwartung von Preiserhöhungen größere Vorräte anlegte. Die Preise sanken jedoch, weil die Opec ihr Rohöl nicht verteuerte und der Dollar in den Keller ging: Importiertes Rohöl, für das im Dezember 1977 noch knapp 235 Mark je Tonne gezahlt werden mußte, kostete schon im Januar 1978 in der Bundesrepublik nur noch 226 Mark.

– Die Folge war ein erhebliches Abschreibungsbedürfnis – allein die Veba mußte einen Buchverlust in Höhe einer zweistelligen Millionenzahl hinnehmen. Sofort warf die Branche das Ruder herum und spekulierte à la Baisse. Statt der 47,8 Millionen Tonnen, die in den ersten sechs Monaten des Vorjahres eingeführt wurden und der 50 Millionen Tonnen im zweiten Halbjahr 1977 waren es von Januar bis Juni 1978 nur 43,8 Millionen Tonnen Rohöl.