Die Zeiten kommen und gehen, das Thema Justiz und Pornographie aber bleibt. Jetzt hat die Frankfurter Staatsanwaltschaft Strafantrag gegen den Buch- und Plattenvertrieb "2001" gestellt. Delikte Verbreitung.-des Aufklärungsbuchs "Sexfront" von Gunter Amendt und des Comics-Bands "Die 17 Gesichter des Robert Crumb". Amendts Buch, 1970 veröffentlicht, in der Originalausgabe in über 200 000 Exemplaren verbreitet, ist ein Relikt jener euphorischen Jahre, da viele meinten, sexuelle und sozialistische Revolution kämen ohne .. einander nicht aus. Der ideologische Überschwang vondamals wurde für die Neuauflage gedämpft: Keine Parole mehr hält die Leser an, "im Bett zart, gegen Bullen hart" zu sein. Der theoretische Kernsatz von 1970 ("Das Sexualleben, des Jugendlichen wird sich erst dann radikal verändern können, wenn die herrschende Klasse," also das Großkapital, unser wahrer Erzieher, gestürzt ist") mußte einem eher meditativen Passus weichen: "Das Sexualleben wird sich erst dann verändern, wenn die Macht des Kapitals gebrochen ist. Eine solche Veränderung wird auch dann nicht schlagartig erfolgen. Im Prozeß der zunehmenden Selbstbestimmung der Menschen werden auch die Einrichtungen verschwinden, die bis dahin Menschen an der Entfaltung des Glücks hinderten. Wie die Beziehungen der Menschen dann aussehen, ist heute nicht zu entscheiden."

"Sexfront" war und ist ein Buch, das nicht drum herumredet. Es ist nicht ehefreundlich und nicht onaniefeindlich, das ist wahr. Die meisten der simplen nackten Tatsachen, die es beschreibt, sind jedoch naturgemäß von zeitloser Richtigkeit. Seine Hochstimmung mutet heute etwas naiv und antiquiert an; aber ob unsere altkluge Resignation jetzt soviel weiser ist als der damalige lustvolle Elan, das bleibe besser dahingestellt.

Es liegt nahe, in dem Strafantrag ein Symptom für den allumfassenden Klimawechsel in unserem Land zu sehen. Mir scheint er jedoch in erster Linie ein Produkt der Schlampigkeit.

"Sexfront" ist nach Meinung des Staatsanwalts Pornographie, und zwar darum, weil auf einigen Seiten Geschlechtsorgane "anreißerisch" in Großaufnahme dargestellt seien. Auf den angeführten Seiten gibt es jedoch gar keine Aufnahmen, oder die Seiten sind gar nicht existent. Möglicherweise bezieht sich die Klage auf die alte, gar nicht mehr zur Debatte stehende Ausgabe. Die betreffenden Photos wurden ausgewechselt. Aber weder die früheren noch die jetzigen sind in irgendeiner Weise anreißerisch. Wenn schon die sachliche Abbildung eines Geschlechtsorgans in einem Sexualkundebuch anreißerisch und damit graphisch sein soll, dann verhüllen wir Besser auch wieder die antiken Statuen.

Amendts Buch, so die Klageschrift, sei Pornographie und jugendgefährdend (erst diese Kombination schafft einen Straftatbestand). Die introvertierten, gargantuesken Strips des amerikanischen Zeichners Crumb wiederum seien "zwar nicht pornographisch", könnten aber einen jugendlichen Leser "veranlassen, eine dem Erziehungsziel entgegengesetzte Haltung einzunehmen".

Nun, das Strafgesetzbuch kennt keinen Tatbestand namens "Jugendgefährdung". Es hat nicht dafür zu sorgen, daß kein Jugendlicher "eine dem Erziehungsziel (welchem?) entgegengesetzte Haltung" einnimmt. Wenn ein Amt eine Schrift für jugendgefährdend hält, kann es bei der von der Bundesregierung eingesetzten Prüfstelle ihre Indizierung beantragen. Die Bundesprüfstelle, auch damals weit davon entfernt, ein: revolutionäres Gremium zu sein, hat Amendts Buch nach einer ausführlichen, kontroversen und ernsthaften Diskussion 1971 verbindlich als nicht jugendgefährdend eingestuft. Und wenn der Staatsanwalt Crumb ausdrücklich für nicht pornographisch erklärt,, fehlt seiner Klage einfach die Rechtsgrundlage.

Es ist wohl wahr, daß beide Bücher, schlecht zu dem grau verhaltenen Farbton dieser Zeit passen. Aber das ist nicht strafbar und kein Grund, Anklagen über den Daumen zu peilen.

Dieter E. Zimmer