Schwindelgefühle gehören zu den häufigsten Krankheitssymptomen, mit denen praktisch Ärzte konfrontiert werden: 65 Prozent aller Patienten quälen sich damit, wie Mediziner letzte Woche auf dem Karlsruher Therapiekongreß berichteten.

Nun ist Schwindel nicht gleich Schwindel: Böse Erkrankungen können hinter dieser Verzerrung der Körper-Raum-Beziehung stecken – aber auch ganz harmlose Gründe, wie etwa das Schwindligwerden beim Walzertanzen. Für den Arzt ist es besonders wichtig, die Art des Schwindels herauszufinden, der eine stark subjektive Komponente aufweist. Hat der Patient das Gefühl, die Welt drehe sich um ihn, oder meint er, auf schwankendem Boden zu stehen? Wird ihm plötzlich schwarz vor Augen oder fühlt er sich unsicher beim Gehen? Rein psychologisch erklärbar ist beispielsweise der Schwindel in der Angst einer Erwartungssituation, wie er beim Gang über einen schmalen Steg oder beim Blick in die Tiefe auftreten kann.

Der Gleichgewichtsapparat im Innenohr des Menschen besteht aus hochempfindlichen, eng zusammenwirkenden Sinnesorganen. Er nimmt Lage- und Bewegungsreize auf und informiert das Zentralnervensystem, er kontrolliert den Spannungszustand der Skelettmuskulatur, er überwacht die Augenmuskeln und trägt so zur Konstanz des Gesichtsfeldes bei Lageänderungen bei. Alle diese Vorgänge laufen vorwiegend ohne Beteiligung des Bewußtseins ab. Bewußt wird erst eine Regulationsstörung, wenn es durch fehlerhafte oder widersprüchliche Information aus den verschiedensten Quellen zu einer Störung der zentralen Koordinierung kommt. Die Folgen sind Schwindel, Gangabweichungen und bestimmte Formen von schnellen, rhythmischen, unwillkürlich ablaufenden Zuckungen der Augäpfel, dem sogenannten Nystagmus, der für die Diagnosestellung von großer Bedeutung ist.

Der Schwindel ist stärker, wenn die Regulationsstörung schnell auftritt, wie das beispielsweise bei Verletzungen der Fall sein kann. Bei langsam einsetzenden Regulationsstörungen können dagegen subjektive Symptome vollkommen fehlen – eine Beobachtung, die immer wieder bei Hirngeschwülsten gemacht wird.

Drehschwindelattacken sprechen für eine Schädigung des Gleichgewichtsorgans im Innenohr. Aber auch Degenerationserscheinungen der oberen Halswirbelsäule können derartige Symptome verursachen. Tiefensensible Reize werden hier aufgenommen und über die Rückenmarkwurzel dem Gleichgewichtsorgan weitergemeldet, das bei Störungen falsch verschlüsselte Informationen decodieren muß. Bewegungsabhängiger Drehschwindel, besonders bei extremen Kopfhaltungen, allgemeine Unsicherheit, Verlust der Raumorientierung und das Gefühl als "gehöre dem Patienten sein eigener Kopf nicht mehr", so der Stuttgarter Professor K. Terrahe, sind Hinweise auf Schädigungen der Halswirbelsäulenregion.

Anfallartiger, einseitiger Drehschwindel mit und ohne Erbrechen, Ohrensausen und Hörstörungen sind Merkmale einer nach ihrem französischen Entdecker Prosper Menière bezeichneten Krankheit. Als Ursache gilt eine Regulationsstörung der endolymphatischen Flüssigkeit im Innenohr, die Schwindelattacken zur Folge haben kann, wenn weitere Faktoren wie etwa Allergien, Genußgifte, Stoffwechselstörungen oder Streß hinzukommen. Förderung der Durchblutung, Entwässerung und Beruhigung, dazu mindestens drei Wochen Urlaub in Höhenlagen über 1500 Meter, nicht rauchen und natriumarme, kaliumreiche Kost sollen den Patienten wieder vom Schwindel befreien. In schweren Fällen muß allerdings operiert werden.

Schwierig und nur individuell entscheiden läßt sich nach Meinung des Tübinger Professors Dietrich Plester die Frage, ob solchen Patienten, das Autofahren verboten werden muß.