Von Marlies Menge

Regina Gerwien lebt im Thüringischen. Sie ist sehr schmal, sehr still. Lebhaft wird sie nur, wenn es um Schafe geht. Denn sie ist Schäferin, genauer: Schäfermeisterin, bildet sogar Lehrlinge aus. Sie hat mit zwei Schäferinnen 400 Musterschafe zu hüten, dazu etwa 300 Lämmer. Für wie viele Menschen ist sie Chef? "Chef sagt man bei uns nicht", verbessert sie sanft, "Chef sagt man beim Militär oder in irgendwelchen Institutionen." Doch auch Regina Gerwien arbeitet in einer staatlichen Institution, in der KAP Remda (Kooperative Abteilung Pflanzenproduktion); hier werden 4000 Schafe betreut, erklärt KAP-Leiter Herder, ein lebhafter junger Mann, der mir auch noch sagen wird, daß "die Lehre der BRD hinter unserer zurück" ist und daß mir doch wohl das richtige Bewußtsein fehle, um über die DDR zu schreiben.

Regina Gerwien entspricht auf angenehme Art meiner naiven Vorstellung von einer Schäferin: Sie trägt eine Samtweste mit 36 Perlmuttknöpfen schwarze Lederstiefel, eine Bandaliere, an die die Hunde geschnallt werden, mit goldenen Herzen verziert; dazu eine Art Jagdtasche und eine Schippe, das ist ein Stock mit Haken, mit dem die Schafe gefangen werden.

Auf dem Kopf hat sie einen schwarzen Hut mit goldenem Knopf am Band und einem Hundekopf am Sturmriemen. Vor vier Jahren hat das Modeinstitut eine einheitliche Schäferkleidung entworfen, Regina Gerwien trägt sie nicht.

"Oberhalb von Berlin sieht man kaum noch Schäfertracht, in den Bezirken Halle, Erfurt, Magdeburg, wo die meisten Schafe konzentriert sind, ist noch am ehesten diese Tradition zu finden", sagt Herr Freitag, mein Begleiter vom Landwirtschaftsministerium. Und weiter: "Ungefähr 6200 Menschen arbeiten in der Schafproduktion, davon 1400 Frauen. Es gibt einen Betrieb in der DDR, der mästet 25 000 Lämmer im Jahr. Wir exportieren Hammelfleisch hauptsächlich in die Bundesrepublik, Zuchttiere aber vor allem in sozialistische und arabische Länder."

Regina Gerwien und zwei junge Schäferinnen sind im Stall. Es ist warm vom Atem der Tiere, es riecht nach Schaf, es klingt nach Schaf. Regina füttert den nahmen Peter: "Zwei habe ich in der Herde, wenn ich die rufe, dann kommen sie. Das hier ist acht Jahre alt – mein eigenes. Ich habe es noch nicht abgeschafft, weil es so zahm ist." Sie arbeitet 45 Stunden pro Woche in Schichten: neun Stunden pro Tag, davon acht Stunden bei den Schafen, eine Stunde Hundefütterung.

Regina Gerwiens Lebenslauf ist schnell erzählt: Sie ist im Waisenhaus groß geworden, kennt ihre Eltern, nicht. Acht Jahre ist sie zur Schule gegangen, dann drei Jahre bei einem Schäfer in die Lehre – also nicht, wie sonst üblich, in eine Schäferschule, in der die Schüler Elektronik, Technologie, Mechanisierung lernen und zum Zootechniker oder Mechanisator ausgebildet werden. Regina ist 30 Jahre alt, unverheiratet und seit elf Jahren im Beruf.