Von Marianna Butenschön

Alexander Loschik, wohnhaft in Kasan, der Hauptstadt der Tatarischen Autonomen Sowjetrepublik, war nach einem Unfall bettlägerig geworden und hatte seine Zeit zunächst mit Lesen totgeschlagen. Dann fing er an, sich mit Ziselierarbeiten zu beschäftigen. Er arbeitete zuerst nur nach Vorlagen, ließ alsbald aber seiner Phantasie freien Lauf und entwarf selbst Muster. Das Hobby blieb nicht lange Hobby; denn eines Tages erfuhr Sinaida Sigatschewa, Direktorin des Heimarbeiterkombinats von Kasan, von der Freizeitbeschäftigung des Alexander Loschik und stellte ihn ein. So wurde der Invalide Heimarbeiter.

Stanislaw Derschanowskij, von Beruf Ingenieur, fertigte in seiner Freizeit Holzschnitzereien an. Auch für seine Arbeiten wurde das Kombinat ein dankbarer Abnehmer. Desgleichen für die Häkelarbeiten von Marjanapa Waganowa, die 80 Jahre alt ist und ihre Tätigkeit so beschreibt: "Ich arbeite und fühle mich wohl, weil ich das Leben spüre." Walentina Bykowa schließlich fand keinen Krippenplatz für ihr Kind und wurde aus diesem Grund Heimarbeiterin. Auch sie häkelt zu Hause.

Loschik und Derschanowskij, Großmutter Waganowa und Frau Bykowa gehören zu den rund tausend Beschäftigten des Heimarbeiterkombinats von Kasan, das im Oktober 1974 den Betrieb aufgenommen hat und 1977 Güter im Wert von über 1,3 Millionen Rubel herstellte: Häkel- und Strickarbeiten, Ziselier- und Filigranarbeiten, Holzschnitzereien, tatarische Tubetjekas (runde, bunte Käppchen), originellen Schmuck, Hausschuhe und Handschuhe – lauter Waren individuellen Geschmacks, die von der zentralisierten sowjetischen Planwirtschaft jahrzehntelang vernachlässigt wurden und die heute die Souvenirläden und Berjoska-Shops zwischen Minsk und Wladiwostok, Murmansk und Odessa füllen oder als Exportgüter Devisen bringen.

Auf eigene Rechnung wirtschaften können die Heimarbeiter von Kasan freilich nicht. Das Rohmaterial für ihre Arbeiten wird ihnen zweimal. monatlich vom Kombinat geliefert; und dieses vertreibt auch die fertige Ware. Nach Aussagen der Direktorin sind die Heimarbeiter mit sich und der Welt zufrieden. Sie treffen sich zu periodischen Betriebs- und Gewerkschaftsversammlungen, besuchen sich gegenseitig, beliefern auch die kombinatseigene Zeitung "Volksschaffen" mit Informationen und haben auf diese Weise ein richtiges Betriebszugehörigkeitsgefühl entwickelt.

Nach diesen und anderen idyllischen Schilderungen zu urteilen, ist die Heimarbeit – ein Begriff, der in der westlichen Wirtschaft wegen schlechter Arbeitsbedingungen und niedriger Löhne, unzureichender Sozialversicherung und sozialer Isolierung einen negativen Beigeschmack hat – unter den Bedingungen des "entwickelten Sozialismus" auf dem besten Weg, eine positiv bewertete Beschäftigungsform zu werden. Denn als Kunstgewerbe füllen die Heimarbeiter mit ihren Erzeugnissen eine Marktlücke; und als Beschäftigte der lokalen, für den Konsumsektor produzierenden Industrie helfen sie dem akuten Arbeitskräftemangel ab, wenn bisher auch nur in beschränktem Ausmaß. Zur Heimarbeit animiert werden vor allem Altersrentner, Invaliden und kinderreiche Frauen sowie Mütter von Kleinkindern, die vorübergehend nicht berufstätig sein können. Sie alle wollen ihre schmale Rente aufbessern oder – da in der UdSSR eine Familie mit Kindern vom Einkommen des Mannes allein zumeist nicht leben kann – das Familienbudget etwas vergrößern.

In zwei Verordnungen des Ministerrats der UdSSR "über Maßnahmen zur Nutzung der Arbeit von Altersrentnern, Invaliden! und Personen, die in der Hauswirtschaft... tätig sind" vom August 1969 und vom September 1973 ist eine bessere arbeitsrechtliche und organisatorische Regelung der Heimarbeit verfügt worden; auch der 25. Parteitag hat 1976 noch einmal die Bedeutung der Heimarbeit für Frauen mit Kindern unterstrichen. Genaues statistischesMaterial gibt es über die Heimarbeiter allerdings bis heute nicht, und einzelne Untersuchungen haben nur regionale Bedeutung.