Von Hermann Bößenecker

Hans Graf von der Goltz, der Generalbevollmächtigte des Bad Homburger Großindustriellen Herbert Quandt, bemüht Zoologie und Kriegskunst in einem Atemzug, um dem skeptischen Gesprächspartner klarzumachen, warum sein Herr und Meister bewußt darauf verzichtet habe, als Konzerngründer in die deutsche Nachkriegsgeschichte einzugehen.

Tatsächlich ging der menschenscheue Unternehmer Quandt, der bei BMW in München ebenso das Sagen hat wie bei den Industriewerken Karlsruhe-Augsburg (IWKA), bei der Varta AG und den aus ihr ausgegliederten Gesellschaften Altana und Ceag, mit eben dieser Entflechtung genau den umgekehrten Weg. Goltz: "Nur die Formen überleben, die sich rechtzeitig auf neue Gegebenheiten umstellen." Wer dies versäume, sei bald am Ende; darum seien die Dinosaurier ausgestorben, habe die preußische Armee die Schlacht von Jena und Auerstedt verloren, deshalb seien die Ritterheere des Mittelalters den Landsknechtstruppen unterlegen gewesen.

Und so wie heute die Schlachtschiffe in der Seekriegsstrategie keine Rolle mehr spielen, wohl aber die beweglicheren Zerstörer, so entsprächen dem wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Umfeld von heute nicht mehr die Mammutkonzerne, sondern vielmehr "kleine, gutgeführte, schlagkräftig am Markt operierende Einheiten".

Der 51jährige Graf räumt ein, daß vor sieben Jahren, als er in die Dienste Herbert Quandts, trat, auch andere Modelle erörtert wurden. Damals stand durchaus zur Debatte, ob man den Weg zu einem Konzernaufbau mit zentraler Leitung konsequent weitergehen solle – bis hin zu einer "Quandt AG", die nicht zuletzt ein "Netz" für die damals noch mit manchen Risiken behaftete Bayerische Motoren Werke AG hätte sein können. Oder sollte man die entgegengesetzte Richtung einschlagen und "die einzelnen Unternehmen in die volle Eigenständigkeit entlassen"?

Die Konzernlösung, die nach Ansicht von Goltz "die wirtschaftlich interessierte Öffentlichkeit erwartet und verstanden hätte", wäre aber eine Lösung im Stil der fünfziger und sechziger Jahre gewesen, nicht eine für die Zukunft. Durchaus hätte so ein Quandt-Konzern auch seine Faszination gehabt – aber "doch nur für die oberste Führung, als Reiz der großen Zahl und der zentralen Macht".

Da aber der auf Konsumgüter und "Marktdynamik" fixierte Quandt schon immer der Meinung gewesen sei, die Verantwortung müsse "so weit wie möglich an die Front" gelegt werden, habe man statt dessen die Verselbständigung der Unternehmen vorangetrieben. Die spektakuläre Realteilung des Varta-Konzerns mit der Ausgliederung von Altana und Ceag Ende 1976 ist für Graf Goltz "ein einmaliger Vorgang in der Nachkriegs-Wirtschaftsgeschichte", ein "revolutionärer Schritt".