Hanns-Hermann Kersten: "Euphorismen & rosa Reime". Sonderbares Unternehmen: ein Autor begibt sich sechs Kapitel lang seines wichtigsten und edelsten Körperteiles (des Gehirnes), nur um besagtes Organ für das nächste Kapitel erneut zu implantieren, in dem er aber sogleich abermals zum Cerebral-Striptease ansetzt. Auf diese Weise werden diverse Themenkreise (von Politik über Erotik bis zur Metaphysik) im Kontrastprogramm jeweils einmal aphoristisch-intellektuell reflektiert ("Euphorismen"), dann aber mit schein-amputiertem Hirn und der Miene eines soeben auf die Erde gestürzten Mondkalbes naiv bedichtet ("Rosa Reime"). So heißt es etwa im Kapitel "Kulturbetriebs-Unfälle" zunächst (mit Hirn) "Literaturrezept: Niedrige Instinkte, hohe Auflagen" oder: "Der Intellektuelle ‚sitzt‘ lebenslänglich: in der Gehirnzelle". Dann aber folgen (Hirn ab zum Gebet!) gereimte Bekenntnisse wie: "Aus dem Elend des Gedrucktseins/ in den Himmel des Gedrucktseins / mich zu Goethe zu erheben – / dieses ist mein Ziel im Leben". – Über dieses janusköpfige Hi(r)n und Her zwischen Scharf- und Schafsinn wird sich nicht wundern, wer weiß, daß Kersten Herausgeber der 1976 erschienenen "Poèmes von Tante Poemma" (aus der ZEIT) war. Hans Weigel schrieb über die "Pommes": "Um naiv zu wirken, wenn man es nicht ist, muß man sehr raffiniert sein." (Mit einem Vorwort von Gabriel Laub, Zeichnungen von Dietrich Lange; Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart, 1978; 96 S., 16,80 DM.)