]Von Ingo Richter

Vor sieben Jahren verlangten Eltern von Hamburger Schulkindern, Sexualkunde in den Schulen sollte sich auf eine "angemessene Information über die sexuellen Gegebenheiten der menschlichen Fortpflanzung und auf die Hervorhebung der Bedeutung von Ehe und Familie" beschränken. Dagegen legten! die Hamburger "Richtlinien für die Sexualerziehung in den Schulen" von 1970 die "Erziehung zu verantwortlichem geschlechtlichem Verhalten" als oberstes Ziel der Sexualerziehung fest!

Das Verwaltungsgericht Hamburg gab den Eltern recht; das Oberverwaltungsgericht Hamburg wies die Klage ab; das Bundesverwaltungsgericht legt 1974 die Frage dem Bundesverfassungsgericht zur Entscheidung vor. – In demselben, Jahr stellten die Eltern einer Schülerin der Klasse 5 des Gymnasiums Weinheim fest, daß das für diese Klasse bestimmte Biologiebuch "Das Tier" im Kapitel über die Fortpflanzung der Säugetiere das Photo eines eine Stute bespringenden Hengstes sowie – in einem anderen Kapitel – eine (sachlich gehaltene) Beschreibung des Zeugungsvorganges beim Menschen enthielt. Die Verwaltungsgerichte des Landes Baden-Württemberg wiesen den Antrag der Eltern auf ein Verbot des Sexualkundeunterrichts und der Verwendung dieses Buches im Biologieunterricht zurück.

In beiden Fällen fochten die Eltern nicht nur mit dem Hinweis auf ihre Grundrechte, insbesondere auf das Elternrecht, sondern sie behaupteten außerdem, daß die Sexualkunde in den Schulen unzulässig sei, weil sie nicht durch ein Gesetz des Parlamentes, sondern durch einen Erlaß des Kultusministers, beziehungsweise Schulsenators eingeführt worden sei – und sie erhielten insoweit überraschenderweise vor den Gerichten grundsätzlich recht. Am 21. Dezember 1977 – nach mehr als sechs, beziehungsweise drei Jahren – hat nun das Bundesverfassungsgericht entschieden, daß die Einführung einer Sexualerziehung in den Schulen in der Tat durch ein Parlamentsgesetz geregelt werden muß, das jedenfalls die folgenden Fragen regelt:

"die Festlegung der Erziehungsziele in den Grundzügen (,Groblernziele’), die Frage, ob Sexualerziehung als fächerübergreifendes Unterrichtsprinzip oder als besonderes Unterrichtsfach mit etwaigen Wahl- oder Befreiungsmöglichkeiten durchgeführt werden soll, das Gebot der Zurückhaltung und Toleranz sowie der Offenheit für die vielfachen im sexuellen Bereich möglichen Wertungen und das Verbot der Indoktrinierung der Schüler, ferner die Pflicht, die Eltern zu informieren".

Noch ehe die Entscheidung ergangen war, warnten die Bildungspolitiker aller Parteien vor einer "Verlagerung der Schulaufsicht von der Exekutive auf das Parlament" und insbesondere vor den "geradezu katastrophalen Folgen fürdie föderalistische Ordnung" (so der bayerische Kultusminister Hans Maier im Frühling 1977), sahen die Lehrergewerkschaften und -verbände angesichts einer angeblich drohenden "Verrechtlichung" des Schulwesens das Ende der pädagogischen Freiheit des Lehrers herannahen.