Ein Journalist und ein Dramaturg als Stückeschreiber

Von Benjamin Henrichs

Jetzt gibt es also wieder Theater. Und das ist gut so – auch wenn der Anfang der Saison nicht gerade ein Ausbruch von Talent und Leidenschaft war. Dabei haben die beiden Stücke, die in der letzten Woche in Wuppertal und Düsseldorf uraufgeführt wurden, durchaus bizarre Stoffe: Joachim Burkhardts „Lassalle“ erzählt das Leben eines Mannes, der ein Deutscher und ein Jude, ein Revolutionär und ein Dandy war; Horst Laubes „Der erste Tag des Friedens“ beschreibt den heroisch-wahnwitzigen Kampf einer Kleinbürgerfamilie gegen den Rest der Welt – am Ende des Stücks verbarrikadieren sich die Nachthages in ihrer Wohnung, schießen auf die Straße hinunter, „auf alles, was sich bewegt“.

Doch weder Burkhardt, der als Journalist bei der Deutschen Welle arbeitet, noch Laube, der als Dramaturg vor allem in Frankfurt arbeitet, haben für ihre dramatischen Stoffe hinreichend dramatische Mittel gefunden – von den extremen Geschichten, die sie im Kopf hatten, sind nur brave Theaterbilder übriggeblieben. Der Unterschied, ein erheblicher: während Burkhardt an seiner Ehrgeizlosigkeit gescheitert ist, so Laube gerade an seinem Ehrgeiz; der eine, weil er erst gar nicht versucht, ein Dichter zu sein; der andere, weil er sich bei dem Versuch übernimmt.

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Daß die Geschichte der deutschen Sozialdemokratie ausgerechnet mit einem exzentrischen, zeitlebens von Eitelkeiten und erotomanischen Zwängen geplagten jüdischen Geldaristokraten begann, daß einer gleichzeitig Revolutionär und Playboy sein kann, für die Armen kämpfend und den eigenen Reichtum genießend – das hat die immer um kleinbürgerliche Unauffälligkeit bemühte SPD sehr in Verlegenheit gebracht. Sohn eines jüdischen Tuchhändlers, erfolgreicher Advokat, brillanter (und arroganter) Agitator, zu Tode gekommen in einem lächerlichen Duell, einer Liebschaft wegen, erst 39 Jahre alt: nicht gerade die Musterbiographie eines deutschen Sozialisten.

Leider, hat der szenische Lebenslauf, den Joachim Burkhardt geschrieben hat, genau die Eigenschaften, die Lassalle völlig fehlten, Bravheit und Biederkeit. Es ist die altbewährte, längst verbrauchte Bilderbogen- und Anekdotendramaturgie – die auch durch den schon ebenfalls betagten Kunstgriff, mit dem Ende anzufangen, mit dem Défilée der Trauernden vorbei an Lassalles Sarg, nicht an Lebendigkeit gewinnt. Natürlich kennt sich Burkhardt in Lassalles Biographie aus, hat Lassalles Schriften sorgsam studiert; doch über das Bemühen, die wichtigsten Daten und die wichtigsten Gedanken im Leben Lassalles szenisch mitzuteilen, kommt das Stück nie hinaus.