Wer kennt nicht die wundersamen Einfälle der Bürger von Schilda? Eine ihrer kuriosesten Taten: Sie bauten ein Rathaus, vergaßen die Fenster und versuchten die Sonne in Säcken einzufangen, um sie in ihre Ratsstube zu tragen. Eigentlich liegt Schilda in Sachsen, irgendwo bei Leipzig. Doch irgendwann müssen ein paar Schildbürger nach Frankreich ausgewandert sein.

Ihre Nachfahren machten jetzt in Creil, nördlich von Paris, auf sich aufmerksam. Sie bauten kein Rathaus, aber ein großes Krankenhaus, das seit Monaten leersteht, weil eine Kleinigkeit vergessen wurde: die Bestellung von mehreren tausend Instrumenten für operative Zwecke.

Am 1. Mai sollte das Hospital eingeweiht werden. Das ganze Personal war zur Stelle – Ärzte, Schwestern, Putzfrauen. Doch es fehlte eben jenes unerläßliche Zubehör. Heute stehen die 585 nagelneuen Betten immer noch leer, weil man keine Lieferanten ausfindig machen konnte. Die offizielle Erklärung: Dem halben Dutzend in Frage kommender Betriebe sind die Vorräte ausgegangen. Der Auftrag habe nicht rechtzeitig erteilt werden können, weil die unerläßliche Subvention der Regierung ausgeblieben sei. Und da der zuständige Bürgermeister ein Sozialist ist, hat er auch sonst noch ein paar wenig regierungsfreundliche Vermutungen.

Inzwischen wischen die Putzfrauen Staub, da sie keine Betten machen können. Der Verwaltungschef des leeren Hauses wies verlegen darauf hin, man habe immerhin Personalkosten sparen können. Der Direktor indes kalkulierte bereits, um wieviel er die Pflegesätze anheben muß, um die entgangenen Einnahmen wettzumachen. Doch mit dem Ende der Ferien werden auch die fehlenden Instrumente erwartet, so daß die Zangengeburt von Creil endlich stattfinden kann.

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Irgendwann hatten die Schildbürger auch die Idee, ihre Rücklagen nutzbringend anzulegen. Also säten sie Salz auf ihren Äckern, um es später hundertfach zu ernten – mit dem Ergebnis, daß nur Brennesseln wuchsen. Heute würde man das eine typische Fehlinvestition nennen. Ein Beispiel dieser Art ist zur Zeit in Lothringen zu besichtigen: Ein Stahlwerk, zu fast 90 Prozent fertiggestellt, wird wohl zur teuersten Investitionsruine Frankreichs werden.

Der Schildbürgerstreich hat bisher über eine Milliarde Francs gekostet. Die Mosel wurde eigens über fünfzig Kilometer kanalisiert, um den Standort des Werks zu verbessern. Industrie, Gemeinden und Staat griffen tief in die Tasche – doch plötzlich kamen den Bauherren Zweifel an der Rentabilität des Projekts. Sie haben plötzlich bemerkt, was ihnen Anfang 1977 noch nicht aufgefallen war, daß es nämlich der Stahlindustrie viel zu schlecht geht, um neue Kapazitäten zu errichten.