ARD, Donnerstag, 21. September, 20.15 Uhr: "Grenze 78 ein deutsches Tagebuch", von Ralph Giordano.

Eine Reportage. über die innerdeutsche Grenze, über dieses monströse Bauwerk, dieses obszöne Politikum, in einer Drei-Viertelstunde – das kann nicht alles erfassen, was dieses Phänomen ausmacht. Da wäre das Technische: Länge, Breite, Zäune, Hunde, Schußanlagen, Grenzsoldaten, Kosten. Das Politische: Ursachen, Wirkungen und die Bemühungen, das Unerträgliche ein bißchen weniger unerträglich zu machen. Das Juristische: welche Legitimität hat diese Grenze, welche Grenzordnungen gibt es in Ost und West? Das Psychologische: was denkt man, wenn man diese tiefe Wunde in der Landschaft sieht, gar ständig mit ihr leben muß? Das Impressionistische: Bilder, die einmalig sind, dokumentarisch, poetisch zum Teil. Das Satirische auch: ein Sperriegel, so ernst, so deutsch, so perfektionistisch, entbehrt ja nicht des Absurden.

Der Film von Ralph Giordano erfaßt vor allem das, was zu filmen und zu erfragen ist: Zäune, Schutzstreifen, eine Orgie in Land Art. Menschen: redende und sprachlose diesseits, stumme Schemen jenseits; Nur einmal eine menschliche Geste von drüben: ein Arbeiter auf einem Turm hebt seine Wollmütze, und man weiß nicht, war das ein Gruß, oder war ihm nur zu heiß am Kopf?

Ein sehr subjektiver, und in seiner Subjektivität auch entschiedener Film, der Film eines Betroffenen, der es versteht, seine Betroffenheit auch mitzuteilen: den Grenzkoller in der Mitte der zweiwöchigen Drehzeit, das Verblassen von Wut, Empörung, Hohn, das Anhalten von Trauer und Nüchternheit. Ein notwendiger Film auch: ein Grenzbesucher sagt, er könne sich das alles nicht vorstellen, schon gar nicht, daß da geschossen wird, daß die Leute da drüben nicht rauskommen.

Niemand kann sich das vorstellen, der es nicht gesehen hat. Giordano sagt es mit der Nüchternheit des Dokumentaristen. Warum er gerade diese Grenze filmen wollte? Weil sie da ist. Er filmt sie so, wie sie da ist, der Kommentar findet sich eher in den Bildern als im Text: Die Wirklichkeit ist polemisch genug, so braucht der Autor nicht zu polemisieren. Er stellt nur Fragen: Ist die DDR wirklich so schwach, wie ihr Sperrsystem es wahrhaben will? Was hat die deutsche Nachkriegsgeschichte dazu beigetragen, daß diese Grenze entstanden ist? So viel nur zum Politischen; zum Juristischen bietet der Film noch weniger: Ist dies eine Demarkationslinie, eine Staatsgrenze, eine schamlose Verletzung von Menschenrechten?

Für Ralph Giordano ist diese Grenze vor allem eine Ungeheuerlichkeit, "das beispielloseste Bauwerk der Weltgeschichte zur Verhinderung von Massenausbrüchen", das "manifestierte Anti-Helsinki". Und dies versteht er eindrucksvoll zu belegen: mit bewegten, bewegenden Bildern, mit impressionistischen Nacht-und-Nebel-Aufnahmen, mit der Beobachtung eines Spezialwagens, der hinter dem Zaun bei Nacht wie ein Sciencefiction-Monster vorankriecht und mit tastenden Lichtfühlern nach Menschen schnüffelt.

Vieles macht dieser Film deutlich: was der Staat DDR sich das kosten läßt, an Material, an Geld, an Menschen, an Ansehen, daß ihm die Leute nicht davonlaufen. Wie zufällig diese Grenze auch ist: wie etwa vier hessische Dörfer der Sowjetzone und vier thüringische Dörfer der amerikanischen Zone zugeschlagen wurden, damit die Bahnlinie Hamburg–München ganz auf westlichem Gebiet bliebe. Wie die Menschen reagieren: ratlos, hilflos, verängstigt, auf die Frage, ob man sich an die Grenze gewöhnt habe. "Ja, gewöhnt, das ist komisch, wissen Sie..." Ein anderer, der die Selbstschußautomaten ständig in Sicht- und Hörweite hat, findet das gar nicht mehr komisch, er kann dort nicht mehr leben, hat schlaflose Nächte, will weg. Was die Menschen hinter dem Zaun denken, muß ausgespart bleiben: die Grenzsoldaten haben striktes Kontaktverbot, die Bewohner des Sperrgebietes sieht man nicht, die Dörfer in Grenznähe sind gespenstisch still.