Von Rolf Henkel

München

Für die 500 Einwohner von Humprechtshausen im unterfränkischen Landkreis Haßberge war das Feuer, das Samstag früh um 4.05 Uhr beim Bauern Benno Groganz ausbrach, eine rechte Abwechslung im öden Einerlei des dörflichen Lebens. Doch die Gier nach Sensation und die Bereitschaft, dem von der Feuersbrunst Betroffenen spontan zu helfen, wich bald der Angst um das eigene Leben. Bauer Groganz hatte in seiner Scheune 180 Zentner Ammoniumnitrat-Dünger gelagert – ein aus der modernen Landwirtschaft kaum mehr zu verdrängendes Mittel, das nicht nur Acker fruchtbar, sondern auch Menschen krank macht, wenn es – in Verbindung mit Feuer und Wasser – Giftgase freisetzt. So wurde schließlich Humprechtshausen innerhalb weniger Stunden im ganzen Freistaat bekannt, denn der Rundfunk ließ es sich nicht nehmen, zum zweitenmal in zwei Wochen die Bewohner einer ganzen Region geschlossen vor die eilends herbeibeorderten Katastrophenärzte zur Behandlung und Untersuchung zu zitieren.

Was in Bayern fast schon Routine ist, denn im Freistaat häufen sich neuerdings die Umweltunfälle. Achtmal schlidderten die Behörden und die Bewohner ganzer Landkreise innerhalb der letzten acht Wochen nur knapp an Umweltkatastrophen vorbei. Eine Statistik, die-nach Meinung von Fachleuten für andere Bundesländer Ebenso gilt, nur sind dort die Bewohner gegenüber Umweltschäden nicht so sensibilisiert wie die Bayern. Freilich waren auch bayerische Fachleute überrascht, als im Frühsommer 1975 erstmals an. der Stadtgrenze von München ein großes Düngerlager durch einen Brand zum Herd einer Giftwolke wurde, die schließlich nicht nur einige tausend Menschen, sondern auch den Nachtbetrieb auf dem Flughafen Riem bedrohte.

Spätestens seit dieser glimpflich verlaufenen Katastrophe wußten Eingeweihte, daß der im Volksmund zum Unwillen seiner Hersteller und der von ihm profitierenden Bauern "Kunst"-Dünger genannte Mineraldünger hochgiftiges Stickstoffdioxid freisetzt, wenn er auf etwa 260 Grad erhitzt wird. Schon in sehr niedriger Konzentration kann das fatal wirken: Die Beschwerden beginnen mit Übelkeit und Kratzen im Hals und können mit lebensbedrohenden Lungenödemen enden, die noch 48 Stunden nach dem Einatmen auftreten.

Die Furcht vor solchen Komplikationen war denn wohl auch der Grund dafür, daß gut 4000 Menschen in einem Feldlazarett untersucht wurden, nachdem Ende August im Regensburger Vorort Zeitlarn eine Scheune mit 80 Zentnern Mineraldünger abgebrannt war. Ernsthaften Schaden nahm letzten Endes niemand, weshalb die Vorsichtsmaßnahmen nachher auch als übertrieben kritisiert wurden, zumal die Verwalter des Katastrophenalarms auch alle jene Autofahrer zum Arzt beorderten, die nur auf einer Bundesstraße an der Brandstelle vorbeigebraust waren.

Auf der Straße drohten denn auch weitere Gefahren. So ortete die Regierung von Oberbayern Mitte Juli einen Gifttransport aus der DDR auf der Durchreise nach Italien, der ohne Genehmigung und Zollkontrolle 5000 Liter des hochgiftigen Pflanzenschutzmittels "Tinox" 15 in rostigen und undichten Fässern nach Bayern einführte. Er wurde unter großen Sicherheitsvorkehrungen an die Absender zurückgeschickt. Wenig später stürzte im oberbayerischen Wolnzach ein mit Spraydosen beladener Lastwagen unmittelbar neben dem Freibad um, in Oberschleißheim bei München prallte ein Tankwagen voll Propangas gegen einen Baum, wobei ein Leck entstand. Und mitten in der Ortschaft Dasing bei Augsburg fiel ein Benzintanker um, 20 000 Liter Kraftstoff liefen aus.