Wenn man liest, was die Leute schreiben, die uns die frühen Kulturen nahe bringen wollen, merkt man, daß es nicht leicht ist. Sie besitzen viele Informationen, aber sind selbst wie der Kaiser, der sein Leben verlängern will und deshalb einen Weisen sucht. Von dessen Weisheit kennt er nur die Wörter, und der Weise nennt ihn einen Schlaukopf und schickt ihn nach Hause. So kann man sich einen Papagei zum Piloten wählen, weil er "fasten your seatbelts" sagt. Man mokiert sich leicht über den "Glauben" der Leute, die dank ihres Lebens im Alter so geworden waren, daß sie fast übergangslos und ohne eine Spur zu hinterlassen abgingen. Ihre Zeitgenossen und Nachfahren zählten darum das, was wir Tod nennen, bei solchen Leuten zum Leben und berichteten von einigen, die 1700 Jahre lebten. Die Phase der Sichtbarkeit war bei ihnen ohne äußere Zeichen in die der Unsichtbarkeit übergegangen. Wenn man bis zur Ferse atmet, dann braucht man sich um die Vereinfachung der Schrift nicht zu kümmern.

Der Künstler Jochen Gert in seinem Buch "Die Schwierigkeit des Zentaurs beim vom Pferd steigen",

O. E. Hasse

Den glaubten wir zu kennen. Der war ein Herr, dem der schneidend ostelbische Tonfall des Geburtsortes Obersitzko im Bezirk Posen zugutekam, wenn er den Harras in "Des Teufels General" oder den Canaris im gleichnamigen Film spielte. Und: den kannten wir gar nicht. Das zeigte er uns in seinen letzten Rollen. In der Zusammenarbeit mit dem Regisseur Peter Zadek ging dieser Schauspieler mit der Musterkarriere (Schauspielschüler bei Max Reinhardt, erstes Engagement in Breslau, dann München, seit 1954 Berlin, viele Filme, Übersetzer, Regisseur) auf Entdeckungsreise – zu sich selber. In einem Alter, da es sich andere bequem machen und auf Tourneen in ihrer Lieblingsrolle sich selber spielen, krempelte sich dieser gedrungene, dabei leichtfüßige Schauspieler um – und fand den Clochard in sich, einen die Welt verlachenden, anarchistischen Clown. Er spielte nicht mehr, was er virtuos konnte, aber das Alter hinweg, sondern zeigte Gebrechen und Schwächen des Verfalls, die ganze Hilflosigkeit, aber auch Schönheit alter Männer. Als geiler "Musjöh" marschierte er mit dem Dudelsack durch Zadeks Inszenierung von Behans "Geisel", laut, schrill, grotesk. Und er war leise, bestimmt, böse als neunzigjähriger Nobelpreisträger Hamsun in Zadeks Inszenierung von Dorsts "Eiszeit". Kurz nach seiner letzten Premiere (Curt Goetz’ "Dr. med. Hiob Praetorius" in der Komödie am Kurfürstendamm) ist er in einem Berliner Krankenhaus gestorben. O. E. Hasse, 75 Jahre alt.

Verlagssterben in Spanien

"Der Verlag Barral Editores wird ab sofort, geschlossen." Hinter dieser lapidaren Nachricht steht eine tiefe Veränderung im spanischen Verlagsleben, und es wird lange dauern, bevor sie aus der Sommerpause in das allgemeine Bewußtsein dringt. Spanisches Kulturleben ohne Carlos Barral ist nur schwer vorstellbar: Seit 1951 gibt er intellektuelle Anregungen, zunächst als Verleger von Seix-Barral, seit 1969 von Barral Editores. In zähem Krieg mit der Zensur durchbrach er die geistige Isolierung des Landes und erzielte beachtliche Erfolge: Böll, Bumor, Frisch, Gadda, Musil, Robbe-Grillet, Seghers, Svevo Oder Peter Weiß wurden von ihm publiziert. In sechziger Jahren folgen die berühmten Preise: Internationaler Verlegerpreis, Formentorpreis, Biblioteca Breve, die den "Boom" lateinamerikanischer Literatur einleitete. Seit 1970 wandelte sich vieles. Taschenbuchverlage entstanden, Kleinstbetriebe schossen wie Pilze aus dem Boden. Der südamerikanische Markt brach langsam zusammen. Nach Francos Tod verstopften unqualifizierte Publikationen die Buchläden, Indiz für die jetzt offenkundige Gewißheit: spanische Verlage stecken in der bislang schwersten Krise. Gute dreißig Prozent der Verlagshäuser sind gefährdet, Der Vertrieb muß neu organisiert werden. Ausländisches Kapital kauft sich preiswert ein. Aber der Avantgarde der Kultur droht Lebensgefahr, er(n)stes Beispiel: Barral.

"Konkursbuch" gegen Vernunft-Wahn