Seit Monaten versammeln sie sich, wo und wann immer sich die Gelegenheit ergibt, zu aufgeregten Palavern. Sie lassen sich von ihren Architektenkammern und Bünden, von Volkshochschulen, kirchlichen Akademien und Kommunen rufen. Ihr Vertrauen in die Podiumsdiskussion ist naiv und ungebrochen und jedenfalls stärker als die Vermutung, daß Nachdenken und die weniger unterhaltsame Arbeit im stillen ihnen eher zu überwinden hülfe, was ihnen zu schaffen macht: den hypertrophen Denkmalschutz und die Irrtümer, die er seit seinem europäischen Werbejahr hervorgelockt hat. Architekten und Stadtplaner sind immer noch lieber damit beschäftigt, die Tendenz zu beschwören, die er hervorgerufen hat, als ihr mit Phantasie entgegenzuwirken, nämlich einem schleichend sich verbreitenden Historismus.

Sie führten es gerade in Würzburg gegen Ende einer flotten Gedenkwoche für Balthasar Neumann vor. Der von derlei Problemen unberührte Barock-Baumeister war mit seinem 225. Todestag eben nicht nur ein prima Anlaß für die Bundespost, einen Sonderstempel zu stiften, und für die Bundesbank, ein neues mißlungenes Fünf-Mark-Stück zu prägen, sondern auch für allerlei Tagungen mit der mehrfach bewegten Frage: "Denkmalschutz – Mißverständnis einer Idee?"

So fix geht das: Nach den Kriegen haben sich die Architekten nicht sonderlich um ihn gekümmert, denn jedes neue Haus wurde als hoffnungsfroher Wink in die bessere Zukunft verstanden; dann, im Jubeljahr 1975, als jedes neue Haus eine Drohung war mit einer verbauten Zukunft, hoben sie einsichtsvoll die Denkmalpfleger mit auf ihre Schultern; jetzt, drei Jahre erst danach, fangen sie an, die mächtig gewordenen Bewahrer zu fürchten, wenn nicht schon zu beschimpfen. Ihre Klage ist laut und dissonant, ihre architektonischen Antworten sind verwirrend.

Erstes Exempel: In der Aula der Alten Universität zu Würzburg (und zugleich im Kunstverein zu Marburg) zeigt die von der bayerischen Architektenkammer in München zusammengestellte, noch durch viele in- und ausländische Städte wandernde Ausstellung "Neues Bauen in alter Umgebung". Es sind kritisch ausgesuchte Musterbeispiele einer tatkräftigen Gegenstrategie.

Das andere Exempel hat ungewollt komische, meist greuliche Züge: In einer Hamburger Baulücke baute man einfach die Kopie des Nachbarhauses; in Würzburg entsteht ein Kaufhaus in einem kunsthistorisch verbrämten Trachtenlook; in Berlin ist geplant, eine versunkene Schinkel-Fassade nachzuerfinden; in Bamberg wird – mit Zustimmung fast aller Architekten – ein gerade vollendeter moderner Brunnen aus der Altstadt wieder entfernt, weil er im Wahljahr nicht mehr gefällt; ein Denkmalpfleger mußte statt einem hervorragenden Neubau einer Fachwerk-Rekonstruktion zustimmen, "weil die Bürger es wollten"; in Hamburg bevorzugte das städtische Wohnungsunternehmen einen historisierenden Entwurf, obwohl die Mieter für die Moderne plädierten; ein Münchner Baubeamter würde "den Architekten umarmen, der einen (modernen) Kontrast-Entwurf wagt".

Hier also – und doch meist ohne Zutun der Konservatoren – ein sich im Unbehagen an der Massenarchitektur nährender Historismus mit eklektischen Stimuli – dort die couragierte Selbstbehauptung einer im Kontrast mit der Historie bestehenden Architektur.

Und nun? Warum nur beleidigtes Unbehagen? Wo ist der Architektur-Professor, der, seiner in dieser Zunft bemerkenswert unernst genommenen Aufgabe zum Lehren und zum Forschen eingedenk, all diese Beispiele nachprüfbar analysierte, Schlüsse daraus zöge, lehrte, drucken ließe? Warum kann ein Stadtplaner unwidersprochen sagen, daß "die Hochschulen es irgendwie nicht geschafft" hätten, ihre Studenten vernünftig vorzubereiten? Warum nur immer diese zwischen Privatbüro und Lehr- oder Lehnstuhl verfaßten, flüchtigen, meist Tatsachen umgehenden, unverbindlichen Aufsätze, die weder dem Nachwuchs helfen noch Bauherrn oder Bürger überzeugen? Mit Parolen und Lamentos stoppt man den Rutsch in die Gemütsarchitektur nicht.

Manfred Sack