Alexander Mitscherlich gehört zu denen, die die geistigen Orientierungen unseres Landes in den ersten drei Nachkriegsjahrzehnten bestimmt haben. Aus dem Kreis der Wissenschaftler sind nicht viele hervorgetreten, die sich eine so breite öffentliche Autorität erworben und diese so unmißverständlich für Positionen einer selbstkritischen Aufklärung eingesetzt haben. Wer Mitscherlich in seinem ärztlichen Tun, in der akademischen Lehre, der psychoanalytischen Forschung, in den Massenmedien beobachtet hat, wer ihn als Arzt, Professor, Volkspädagogen kennt, sieht den Wunsch, der ihn beseelt. Mitscherlich möchte die Kräfte des Ich, der autonomen Willensbildung stärken, er möchte helfen, die Selbstverborgenheit, die uns der eigenen, subjektiven Natur entfremdet, aufzuhellen. Für ihn bedeutet jedes noch so unscheinbare Stück Verständnis, das der Flucht ins Vergessen und in die Unverantwortlichkeit abgerungen werden kann, einen Sieg – freilich einen ohne Gewalt und Opfer, denn bezwungen wird das Unbewußte allein durch die lösende Kraft der Erinnerung.

Mitscherlichs Werk hat in unserer Republik eine reinigende moralische Wirkung gehabt. Diese kommt in vollem Umfang erst heute zu Bewußtsein, da ein Umschwung der Orientierungen eingesetzt hat. Heute besteht geistige Hygiene weithin darin, Vorurteile zu enthemmen, im Zeichen eines scheinheiligen Traditionalismus Mut zu machen zur Entsublimierung, Freibriefe auszustellen für Denunziationen, von denen auch Mitscherlich nicht verschont geblieben ist. Je deutlicher die Konturen einer durch Selbstbesinnung geprägten Mentalität zerfallen, um so erschreckender treten Kontinuitäten des deutschen Geisteslebens hervor, mit denen wir dank solcher Einsichten, für die Mitscherlichs Denken repräsentativ ist, gebrochen zu haben glaubten.

Im Hinblick auf die Stellung der psychoanalytischen Medizin hat Mitscherlich einmal bemerkt, daß Außenseiterpositionen nicht nur Helden und Dulder, sondern eben auch Außenseiter anziehen; er selbst ist Zeit seines Lebens in Oppositionsrollen gedrängt worden, ein Außenseiter ist er darüber nicht geworden.

Opposition zieht sich als roter Faden durch Mitscherlichs Biographie. Sie beginnt, als der Historiker Joachimsen 1932 stirbt und der Nachfolger sich weigert, die von seinem jüdischen Vorgänger betreute Dissertation anzunehmen. Mitscherlich bricht sein Studium ab, kommt vorübergehend in Haft, eröffnet eine Buchhandlung, die 1935 von der SA geschlossen wird, emigriert in die Schweiz und nimmt dort sein Medizinstudium auf. Bei einer illegalen Fahrt durch Deutschland wird er 1937 von der Gestapo verhaftet und nach acht Monaten gegen Auflagen entlassen. Unter diesen Bedingungen schließt er seine medizinische Ausbildung ab, nimmt als Neurologe die ärztliche Praxis auf.

Freiheitlicher Sozialismus