Von Horst Bieber

Um die Kernkraft in der Bundesrepublik ist es stiller geworden. Der Sturm von Brokdorf, Grohnde und Kalkar hat sich gelegt, nur um den Plan Gorleben säuselt noch ein sanftes Lüftchen, weil die Union in Niedersachsen nach ihrem Wahlsieg vom 4. Juni sich jetzt der Gretchenfrage stellen muß: "Wie hältst du’s denn mit der Wiederaufbereitung in Gorleben?" Und da die Auffassung, ohne Gorleben sei die bundesdeutsche Kernkraftwirtschaft zum Sterben verurteilt, langsam, aber stetig nach unten – in die öffentliche Meinung – durchsickert und sich dort verfestigt, scheint ein "Ja" wahrscheinlicher als ein "Nein".

Gewerkschaften und Parteien, Regierungen und Verbände haben sich bereits festgelegt: Wir brauchen die Kernenergie, um mit dem wirtschaftlichen Wachstum die Arbeitsplätze zu sichern, den sozialen Frieden zu stabilisieren. Die Harmonie der Mehrheit hat sich unversehens über den Protest einer Minderheit gebreitet – nur die Urteile der Gerichte, die Brokdorf, Grohnde und Kalkar juristisch aufarbeiten, lassen im nachhinein noch etwas von der gegenseitigen Verbitterung erkennen. Ein kleiner Bildband von Günter Zint ("Atomkraft") kommt da gerade recht, um noch einmal optisch das Ausmaß der Konfrontation festzuhalten und vorzuführen.

Sicher, Zint und sein Texter Claus Lutterbeck sind "contra", folglich zeigen und schreiben sie einseitig parteiisch. Sie präsentieren nicht den "Kernkraftdialog", sondern den (Beinahe-) "Bürgerkrieg", den Einsatz der Polizei und das Engagement der Gegner. Ohne über Einzelheiten des Buches zu rechten: Daß es zu solchen Szenen kommen konnte, beweist doch, daß etwas schiefgelaufen ist, daß kein Dialog stattgefunden hat, daß Gegner und Befürworter Monologe gehalten, aber nie Dialoge geführt haben.

Daran hat sich nichts geändert; die Bücher zu diesem Thema beweisen es. Da schreiben H. R. Lutz und R. Weber "... zum Beispiel Wylerau", mit dem anspruchsvollen Untertitel "Die Wahrheit über Kernkraftwerke". Die "Wahrheit" heißt in diesem Fall: KKWs sind betriebssicher und werden mit einem Maximum an organisatorischem, finanziellem und intellektuellem Aufwand auch auf diesem Stand gehalten. (Brunsbüttel ereignete sich später doch). Verlieren wir kein Wort über die literarische Qualität des Werkes, halten wir den Autoren entschuldigend zugute, daß sie komplizierte Tatbestände leicht faßlich darstellen wollten. Was ihnen streckenweise gelungen ist; auf die "Kern"frage gehen sie freilich nicht ein: Was passiert, wenn der – wie selten auch immer zu veranschlagende – Störfall eintritt?

Dieses Nichteingehen ist vielleicht charakteristisch für die gesamte Diskussion, in der das Nicht-Verstehen-Können vorprogrammiert zu sein scheint. Der Techniker besitzt – anders könnte er nicht konstruieren und betreiben – Vertrauen in seine Anlagen. Er kann auf einen beträchtlichen Schatz von Erfahrungen und Methoden zurückgreifen, von dem aus er neue Probleme mit der Sicherheit angeht, sie auch lösen zu können – Schritt für Schritt, durch Summieren neuer Erkenntnisse und geduldiges Experimentieren. Das heißt nicht, daß er jedes Problem für lösbar hält, aber er vertraut darauf, eine Lösungssackgasse rechtzeitig zu erkennen und auf einen anderen Weg auszuweichen. Für eine solche Denkweise ist ein Kernkraftwerk etwas quantitativ, aber nicht qualitativ Neues.

In diesem Geist ist das lesenswerte Buch von Karl Winnacker "Schicksalsfrage Kernenergie" geschrieben. Dieser Autor ist "pro Kernkraft" und stellt mit der Sicherheit, die aus Überzeugung wächst und deshalb Polemik nicht braucht, den Werdegang der friedlichen Kernkraftnutzung dar (übrigens mit erfreulich vielen Details), an deren Zukunft er nicht zweifelt. Winnacker schildert ebenso unprätentiös die "Sackgassen" und Fehlschläge, die sich für ihn nahtlos in den technischen Weg einfügen. Der Autor ist viel zu nüchtern, ungelöste Fragen zu leugnen.