Von Gesine Froese

Wir teilen im Sightseeing-Schleichtempo mit unserem Bus auf eine kleine Anhöhe und halten. "Turku ist auf sieben Hügeln erbaut worden", hebt Lasse, unser Fremdenverkehrsführer an und fährt mit einem schelmischen Lächeln fort: "Genauso wie...?" Wir blicken aus den Fenstern, sehen einen modernen Hotelkomplex, ein abgebranntes Holzhaus und erspähen einen Fabrikschornstein am Horizont – genauso wie? Die Frage hängt in der Luft, bis lasse sie schließlich selbst beantwortet: "Wie Rom..."

Es muß ein besonders pfiffiger Finne gewesen sein, der auf die Idee kam, Turku mit Rom in Verbindung zu bringen, nur weil diese Stadt auch auf sieben Hügeln steht. Zwar war Turku auch einmal eine Hauptstadt, zwar besitzt auch sie ein gutes Stück Tradition, aber mehr hat sie wirklich nicht mit Rom gemeinsam. Wer die "grüne, rührige" Stadt (so wird sie in der Fremdenverkehrswerbung verkauft) an Finnlands Südwestküste besucht, der darf kein buntes Straßentreiben mit vielen Cafés (und Kneipen wegen der Alkoholzensur ohnehin nicht) erwarten, wie man es von Großstädten mitteleuropäischen Stils gewohnt ist.

Turku, die drittgrößte Stadt Finnlands, ist so wenig urban wie die meisten finnischen Städte. Und das sollten die Touristikleute ruhig zugeben und nicht nur hinter vorgehaltener Hand, wie Lasse, der bei anderer Gelegenheit wesentlich mehr zum Verständnis für seine Stadt beitrug, als er sagte: "Im Grunde sind wir Finnen viel zu naturverbunden, als daß bei uns tatsächlich lebendige Städte entstehen könnten. Fast jeder besitzt, oft schon seit Generationen, außerhalb ein eigenes Fleckchen Erde, und dort zieht es uns hin, da leben wir erst richtig auf."

Ein Besuch Turkus lohnt dennoch. Die Stadt, die im nächsten Jahr ihr 750jähriges Bestehen feiert, ist wohl wie kaum eine andere von der wechselvollen Geschichte Finnlands gezeichnet. Das Wohl und Wehe des politischen Wirrwarrs zwischen Selbstbestimmung und Fremdherrschaft prägt die Atmosphäre.

Die glücklichste Zeit erlebte Turku bis zur Wende des 19. Jahrhunderts. Damals war es die Hauptstadt des Landes, war ein begehrter Platz bei Kaufleuten, Künstlern und Gelehrten. Unter russischer Herrschaft geriet sie dann ins Hintertreffen: Der Zar zog Helsinki als Schaltstelle der Macht vor und nahm die Universität mit (wenig später wurde in Turku eine neue gegründet, die heute Platz für etwa 8000 Studenten hat). Ein schwerer Stadtbrand gab Turku beinahe den Rest. Wichtigster Halt mag in dieser Zeit der Hafen gewesen sein, der Turku bis heute auf Grund seiner im Ostseeraum sehr günstigen Lage zumindest eine wirtschaftspolitische Bedeutung im Handel mit den Anliegerstaaten sichert.

Aber auch die unglücklichen politischen Verstrickungen Finnlands im letzten Weltkrieg trafen Turku besonders hart. Hier warfen die Russen Bomben ab und zerstörten nahezu die letzten der schönen, für Finnlands Architektur so typischen Holzhäuser. Wer sich heute das Freundschaftsdenkmal auf einem der besagten sieben Hügel nahe des Kunstmuseums ansieht, die monumentalen vier Gestalten betrachtet, die sich stellvertretend fürs finnische und sowjetische Volk mit einer nachdrücklichen, beinahe heftig wirkenden Geste die Hände reichen, den mag schon ein Gefühl der Tragik beschleichen, eingedenk solch belasteter "Freundschaft".