Von Norbert Denkel

Die in Köln alle zwei Jahre stattfindende "Weltmesse der Photographie": rechtsrheinisch in Deutz der Kommerz mit Kameras und allem, was dazugehört, linksrheinisch in der Kunsthalle unter Dach und Fach die Ernte dessen, was sich mit der Kamera an Augenblicken einfangen läßt – so ist die Sache gedacht. Drüben in Deutz funktioniert das prächtig Da ist es immer die größte photokina, die es je gab. Hüben am Neumarkt sieht es weniger gut aus: Die ausgestellten Lichtbilder vermitteln wenig Lichtblicke. Zeigen, wo die Photographie im Moment steht, weisen, wohin die Photographen vielleicht den nächsten Schritt setzen – das sollte eine Veranstaltung schon leisten können, die sich selbst mit dem anspruchsvollen Titel schmückt: "Die Welt der Photographie – die Photographie der Welt." An diesem Anspruch gemessen, bewegt sich der neugierige Besucher aber leider oft unangenehm berührt im Halbdunkel.

Ohne Übertreibung kann man behaupten, daß alles wirklich Neue an Photographie kaum zu sehen war, daß Unerhebliches aufgeblasen und das einzig Bemerkenswerte die Photos von vorgestern sind. Wären da nicht die Bilder von Erich Salomon, El Lissitzky, Laszlo Moholy-Nagy und anderen Gleichzeitigen zu sehen gewesen – es wäre eine schwarze Messe der Photographie geworden. Denn der übrige Teil der ausgestellten Bilder litt unter phantasieloser Themenstellung, zum x-ten Male einen Aufguß der "Family of men" versuchend: "Arbeit und Freizeit" ist genau so ein dehnbares Thema wie "Die Welt der Familie" oder "Blende 77".

In einem anderen Rahmen würden auch die "Modephotos" sicher besser zur Geltung kommen; so aber, eingeklemmt zwischen einer Tapeten-Studie italienischer "Photoromane" und japanischen "Meditationsbildern", verpufften sie in ihrer Wirkung. Die Schwarzweißphotos von Helmut Newton zum Beispiel sind ja keine Modephotos mehr im herkömmlichen Sinn, sie sind eher schon Verwirr-Vor-Bilder für Bedrückungen aus den Folterkammern von Buñuel. Böse Botschaften kamen auch von einem anderen Photographen, der im altklugen Kindton gleich Küchensoziologisches mitlieferte, darüber, wie er seine Opfer familienweise zur Selbstdarstellung vor der Kamera brachte und wie er aus den so gewonnenen Bildern Wahrheit sezierte. Wer so die Photographie benutzt, vermittelt nichts außer Diffamierung. Die Schwelle zum Unerträglichen wurde gedankenlos überschritten.

"Aggression und Meditation" stand als Motto über den Bildern von neun japanischen Photographen. Allerdings, zu, Unrecht, es blieb weitgehend bei der Darstellung der -Meditation. Das war ein Versäumnis, denn gerade von den jungen japanischen Photographen gibt es unerhört starke Bilder aus der ameisenhaften Wirklichkeit Japans, von seinen Städten und seinen Menschen.

Gegen dieses unruhige und zufällige Sammelsurium, das von vielem etwas und nichts richtig zeigte, kamen auch einzelne Versuche mit Besserem nicht an. Allan Porters "Zweite Generation der Farbphotographen" war zwar bemüht, neue Tendenzen vorzuführen; aber mit einer so schmalen Auswahl konnte nicht gelingen, was eigentlich Hauptthema der Bilderschauen hätte sein müssen. Im Katalog zu den Bilderschauen schreibt Porter über die Suche "nach der Möglichkeit, farbige Realität im Bilde festzuhalten" und nennt als Leitbilder der "zweiten Generation" die "berühmten Dokumentarphotographen der Schwarzweißepoche: Walker Evans, Marcel Duchamp und Eugene Atget".

Wer das nun auch gleich genau nachprüfen wollte, brauchte nur ein paar Kilometer südwärts zu fahren, nach Bonn. Im Rheinischen Landesmuseum fand das wahre Ereignis der Photokina statt. Von 130 Glasnegativen Atgets waren erstklassige neue Abzüge gemacht worden, begleitet von einem vorbildlich hergestellten Katalog mit Texten von Romeo Martinez, Gisele Freund und Klaus Honnef. Statt eines Warenhauses der Photographie also ein Spezialitätengeschäft: In Bonn könnten die Kölner etwas lernen, auch wenn sie bewiesenermaßen die Größten sein möchten.

Auf Wiedersehen in zwei Jahren.