Von Rudolf Walter Leonhardt

Es ist schon ein rechtes Kreuz, nicht immer leicht zu tragen: Da hat einer nun ein Leben lang Gedichte und Lieder geschrieben, hat mehr als zehn Romane veröffentlicht, die gleiche Zahl von Erzählungsbänden, dazu einige Essays und sogar Vier Theaterstücke – aber wodurch ist er denen bekannt geworden, denen er überhaupt noch bekannt ist, jemandem wie mir jedenfalls? Durch eine Parodie und ein kleines Liebesgedicht.

Die Parodie wurde von einem geschrieben, dem es nicht besser ergangen ist. Auch Robert Neumann hat Gedichte geschrieben und Erzählungen und viele Romane. Geblieben jedoch ist die Erinnerung an seine Parodien, wie zum Beispiel die auf Hans Leip:

"Pühüh, wie der kolke Wind durch die Pallinge pfiff! Du aber drücktest den hulkigen Stoppelbart gegen die Keeke und sangst das alte Lied von den Künneken. Hoh, tau leipte es unser Leip. Priek, klünke Tween! Nur immer keelgischts über die Himmung!

Oihoi!

Und so ging der Sommer vorüber."

Robert Neumann ist tot. Er war gar nicht entzückt, als ich diese Sätze fast auswendig wußte. Hans Leip lebt und hat am 22. September seinen 85. Geburtstag in, wie man zu sagen pflegt, völliger geistiger Frische. Seine Briefe jedenfalls könnten auch von einem Vierzigjährigen geschrieben sein. Aber als ich ihm mit der Neumann-Parodie kam, war auch er nicht entzückt. Dabei verdanke ich es dieser Parodie, daß ich gleich darauf den parodierten Roman "Godekes Knecht" gelesen, mich mit Trotz und Vergnügen dem lyrischen Expressionismus einer fremden Welt in einer mir fremden Sprache ausgesetzt habe. Danach habe ich auch gleich noch "Jan Himp und die kleine Brise" gelesen. Seitdem stelle ich mir Hans Leip, mit dem ich Briefe gewechselt, aber den ich nie gesehen habe, so vor: ein sehr männlicher Mann, ein Hanseat, der das Meer und die Schiffe und die Frauen liebt; ein "musischer Mensch", einer also, der "Stil" hat, der gerad so gut als Maler (das wollte er zunächst werden) wie als Musiker wie als Schreiber hätte bestehen können und immer er selber geblieben wäre; ein sehr einsamer, gern in selbstgewählter Einsamkeit lebender Mann, der oft nur lieben konnte, was er schrieb, der nur beschreiben konnte, was er liebte, bei dem das Lieben und das Schreiben bald miteinander, bald gegeneinander gingen, und der, als es ihm darauf ankam – er, der "nordische Typ", ganz genauso wie sein jüdischer Gegenspieler – das Publikum, auf das es ihm ankam, nicht mehr erreichte: ein Schriftsteller, der älter wird, den Moden des Zeitgeistes entrückt. Robert Neumann und Hans Leip, die Erzfeinde ohne feindliche Gefühle (persönlich kannten sie einander gar nicht): wie eng gehören sie zusammen.