Dazu war eine Stimme nötig, die diese spröde Erotik brachte. Es fand sich die so gut wie unbekannte, durch Rollen noch nicht vorgeprägte junge Schauspielerin und Sängerin Eulalie Wilke, geborene Bunterberg aus Bremerhaven, die gut beraten war, sich Laie Andersen zu nennen. Ihr rauchiger Alt war genau richtig. Jeder konnte aus dieser Stimme heraushören, wonach er sich sehnte: das liebende Weib oder die keusche Freundin oder das Mädchen fürs Geld.

Es hat dem Erfolg des Liedes ja nicht geschadet, daß es auch diese Deutung zuließ. Wer trippelt denn schon mit "zierem", hochhackigem Gang nachts unter Laternen, die bei Kasernen stehn? So war es vom Dichter nicht gemeint. Und Laie Andersen wollte es wohl auch nicht gern so verstanden wissen. Jedenfalls änderte sie den "zieren" in einen "schönen" Gang. Wer jüngere Interpretationen der Lili Marleen durch andere Sängerinnen hört (Dorit Talmadge, Mimi Thoma, Anita Spada und vor allem natürlich Marlene Dietrich), dem wird klar, daß Laie Andersen keineswegs nur "die Serviererin" war, sondern ein wichtiges Glied in der Kette, die zum größten Welt-Hit aller Zeiten geführt hat. Eigentlich müßte das Lied eines jungen Wachtpostens ja von einem Mann gesungen werden; aber selbst Frank Sinatra bemühte sich vergebens, dafür ein Publikum zu finden.

Hans Leip wußte nichts von Norbert Schultzes Vertonung. Norbert Schultze hielt nichts von der Sängerin Laie Andersen. Keine Schallplattenfirma wollte das Lied, bis schließlich Electrola, wohl mehr der Sängerin zuliebe, sich herabließ, eine Platte zu machen, die man heute "single" nennen würde – damals gab es nur "singles".

Die Weichen waren gestellt für den Welterfolg. Aber dann mußte eben erst mal was laufen. Es lief der 1941 installierte "Soldatensender Belgrad", der vor allem das Afrika-Korps mit Indoktrination und Unterhaltung versorgen sollte. Sein Intendant, Leutnant Karl-Heinz Reintgen, war der Geburtshelfer der Lili Marleen. Er brauchte Schallplatten und ließ seine Leute ausschwärmen. Einer brachte aus Wien die Lili Marleen mit. Reintgen fand sie gar nicht so schlecht und ließ sie am 18. August 1941 zum erstenmal auflegen. Das war der Geburtstag. Nach einer Woche schon war allen Beteiligten klar: ein Volltreffer. Vier Jahre lang ersetzte die Lili Marleen vom Soldatensender Belgrad den Truppen, Engländern wie Deutschen, Russen wie Franzosen, das Nachtgebet.

In Hans Leips Autobiographie, von der Teile mir im Manuskript vorgelegen haben, las ich: Nach dem Kriege wollten Amerikaner den Weinkeller der Villa in den Bergen über Innsbruck, wo Hans Leip Zuflucht gefunden hatte, plündern. Da sagte die Dame des Hauses in ihrer Verzweiflung: "Der Herr da ist Hans Leip. Er hat das Lied von der Lili Marleen gedichtet." Und das soll Wunder gewirkt haben. Lammfromm wurden die wilden Krieger – und plünderten die Villa nebenan. Und berichteten ihrem Chef. Eisenhower soll dann gesagt haben: "Der Dichter der Lili Marleen war der einzige Deutsche, der während des Krieges in Deutschland blieb und dennoch die ganze Welt erfreute."

Manche machen sich anheischig, denWelterfolg Shakespeares zu erklären, und manche (selten die gleichen) den Welterfolg der Beatles. Es muß auch eine Erklärung geben für den Welterfolg der Lili Marleen, die immerhin eine ganze Generation bewegt hat, von Tokio bis San Franzisco.

Ich höre das Band (Originalversion Laie Andersen) jetzt zum ich weiß nicht wievielten Male. Und nun muß ich, wenigstens mir selber, eine Antwort geben. Dies sei sie: Was die Lili Marleen zur großen Geliebten des Zweiten Weltkrieges machte, war die vom Dichter lebendig erfahrene, vom Komponisten raffiniert illustrierte, von der Sängerin naiv nachempfundene, von allen Soldaten des Zweiten Weltkrieges auf allen Kampfplätzen begehrte: Sehnsucht nach Liebe und Unschuld.