Von Colin Smith

Teheran, im September

Die große Demonstration vor zwei Wochen, bei der die Soldaten des Schah in die Menge schossen, fordert noch immer Opfer. Die Leichen werden aus den Hospitälern zum Beheshtzahra-Friedhof am südlichen Stadtrand Teherans gebracht. Dort gibt es fast 500 frische Gräber, die alle offiziellen Angaben, bei der Protestaktion gegen die Einführung des Kriegsrechtes seien nur 100 Menschen getötet worden, ad absurdum führen.

Heute sind Beerdigungen und Hochzeiten die einzigen Ereignisse, die das Kriegsrecht noch gestattet, das in zwölf Städten die Versammlung von mehr als zwei Personen verbietet. Die Totenfeiern werden von vielen jungen Männern besucht, die dabei singen: "Khomeini ist unser Führer."

Ayatollah Khomeini ist der alte Moslem-Führer, der seit den Religionskämpfen von 1963 im irakischen Exil lebt. Während der letzten sieben Monate haben seine Predigten gegen das verfassungswidrige Regime, gegen westliche Dekadenz und Korruption an höchsten Stellen, die auf Tonbändern in den Iran geschmuggelt wurden, die häufig des Lesens und Schreibens unkundigen Gläubigen auf die Barrikaden gebracht. Liberale und Marxisten, die sich mit den heiligen Männern nur durch ihren Haß auf den Schah verbunden fühlen, beteiligen sich an dem Aufstand.

Vor zwei Wochen erreichten die Demonstrationen einen tragischen und blutigen Höhepunkt. Die jungen Männer beim Begräbnis, viele von ihnen Studenten, behaupten, daß dabei 3000 Menschen auf den Straßen Teherans getötet wurden.

Die Probleme des Schah, das läßt sich heute feststellen, sind noch längst nicht überwunden. Viele der Trauergäste trugen ihre Verachtung für den Herrscher offen zur Schau, etwas, das vor einem oder zwei Jahren undenkbar gewesen wäre. Der Schah gilt heute vielen als ein einsiedlerischer, furchtbarer Rächer, der auf Vergeltung gegen die sinnt, die auf seinen Sturz hinarbeiten.