Von Ulrich Völklein

Frankfurt/Main, im September

Nassiri ist 32 Jahre alt und studiert Politische Wissenschaften. "Zur Abwechslung", wie er sagt; denn Betriebswirtschaftslehre sei ihm zu trocken. Von den Ansprüchen seines Vaters, einem Fabrikanten in Isfahan, der ihn vor sechs Jahren in die Bundesrepublik schickte, um modernes Management zu lernen, habe er sich "endlich emanzipiert": "Mein Vater bezahlt zwar mein Studium, aber bestehen lasse ich mich von diesem Feudalisten nicht."

Amir dagegen hat von daheim keinen Pfennig zu erwarten und darum wohl keine Veranlassung, sich von seiner Familie wortreich abzuwenden. Sein Vater besitzt ein kleines Geschäft in Teheran und verdient gerade genug, um die achtköpfige Familie zu ernähren. Amir lebt von einem knappen Stipendium, studiert im vierten Semester Medizin und arbeitet in den Abendstunden zusätzlich als Fensterputzer.

Beide Studenten halten sich jetzt, am frühen Samstagnachmittag, hinter einem Abluftschacht der Tiefgarage auf dem Frankfurter Römerberg versteckt. Nassiri blutet. Ein Polizist hat ihm mit dem Gummiknüppel die Oberlippe und die rechte Augenbraue aufgeschlagen. Amir versucht die Blutung mit einem Taschentuch zu stillen. Beide haben Angst.

Die beiden Studenten waren einem Demonstrationsaufruf der 1961 gegründeten "Conföderation Iranischer Studenten" (CISNU) gefolgt, die in der Frankfurter Innenstadt gegen das Schah-Regime protestieren wollte. Rund 3000 persische Studenten, etwa ein Drittel aller in der Bundesrepublik studierenden Perser, reisten an. Zuerst verlief die Kundgebung friedlich. Dann zündeten Studenten eine Schah-Puppe an. Die Polizei setzte Wasserwerfer ein und rückte gegen die Kundgebung vor, weil – so erklärte Polizeipressesprecher Hoffmann, "immerhin der Verdacht bestand, daß ein ausländisches Staatsoberhaupt verunglimpft werden sollte". Steine flogen, Schaufensterscheiben gingen zu Bruch, das Mobiliar der zwei Freiluftcafés auf dem Römerberg zerspreißelte. Die Bilanz, der Auseinandersetzung; 21 zum Teil erheblich verletzte Polizisten und fünf. Festnahmen. Die Zahl der verletzten Perser nennt der Polizeibericht nicht.

Stunden später, im "Schrottkopp", einer Gaststätte im Frankfurter Universitätsviertel Bockenheim: an den Tischen sitzen Demonstranten vor ihrem Bier. Der Vorstand des Studenten-Verbandes übt Manöverkritik: "Wir hätten uns durch die Polizei nicht: provozieren lassen dürfen?" Denn dieser Verband mit 2000 Mitgliedern, der sich als "demokratische und antifaschistische Massenorganisation" versteht, möchte gewaltfrei gegen das "faschistische Terrorregime" im Iran kämpfen.