Von Manès Sperber

Ich schreibe diese Zeilen in der Stadt, deren Namen ich als Kleinkind im gestammelten Gebet täglich wiederholte, noch ehe ich den Namen meiner Familie oder den meines Geburtsortes kannte. Jeruschalajim – diese fünf Silben, die für mich noch während langer Jahre ihren seltsamen Klang behalten sollten, glichen jenen Gelöbnissen, die uns zuweilen daß stärker an die Stadt binden die ihre Erfüllung. So wußte ich denn wie alle meinesgleichen, daß Jerusalem die einem war, in die wir eines Tages zurückkehren würden: "Im nächsten Jahr!", so hieß es in einem oft wiederholten Wunsch, der zugleich die messianische Hoffnung ausdrückte.

Ich lernte die Propheten übersetzen, vor allem Jesaja, dessen Botschaft mich Ungläubigen noch heute angeht, und Jeremia, dessen Leiden am eigenen Volke mich entdecken ließ, daß Liebe eine unversiegbare Quelle von Unglück sein kann. Jeremia, in dessen Reden ich zum erstenmal der großen rhetorischen Poesie begegnete, klagte: "Sie sagen: ‚Frieden, Frieden, aber es ist kein Friede!‘ " Während der 65 Jahre, die seit meiner ersten Begegnung mit den Propheten verflossen sind, hat mich diese Klage wie der bedrängende Kehrreim eines Liedes begleitet, das seit Jahrtausenden nutzlose Mahnung bleibt.

Gott sandte die Propheten, um dem von ihm auserwählten Volke abwechselnd strafendes Unheil anzudrohen und das Glück des sich unaufhaltsam vermehrenden Lebens zu versprechen. Zornig und erbarmungsvoll, stets sagte er ihnen die Dauer, die unverlierbare Dauer zu und das Land Kanaan, die erst zu erobernde und immer wieder verlierbare Heimat.

Jerusalem ist eine sehr alte Stadt, aber es ist nicht Jeruschalajim, das hat Nebukadnezar zerstört; es ist auch nicht die Stadt des zweiten und nicht die des herodischen Tempels, welche im Jahre 70 von Titus erobert und im zweiten Jahrhundert, nach dem endgültigen Sieg der Römer über das rebellische Gottesvolk dem Erdboden gleichgemacht wurde. Aelius Hadrianus ließ den Boden ihrer steilen Hügel und ihrer engen Täler umpflügen, um die nach ihm benannte Aelia Capitolina aufzubauen. Sie hat sodann nur die spärlichste Spur hinterlassen: einen in manchen Geschichtsbüchern kleingedruckten Namen.

Seither ist diese Stadt oft genug neu erbaut und wieder zerstört worden, zumeist mit Berufung auf den gleichen Gott, den Gott meiner rechnung In den zwei Jahrtausenden unserer seine rechnung haben das gelobte Land und seine Hauptstadt das seltsame Schicksal erlitten, von seinen Eroberern stürmisch begehrt und gerühmt, aber nicht geliebt zu werden. Man den die Berichte glaubwürdiger Reisender aus den vergangenen Jahrhunderten, etwa den Chateaubriands, und man wird erfahren, wie die Stadt der heiligen Stätten verkam, welch barbarischer auswahrlosung das Land von seinen Eroberern ausgeliefert wurde. Es ist allerdings wahr: Diese schnell versteinte, versandete, versumpfte Erde mußte man immer wieder urbar, die Scholle ohne Aufhören mit Wasser betrunken machen, damit sie vergesse, undankbar zu sein. Solches aber kann nur zustande bringen, wer dieses Land so liebt, wie man ein von tödlicher Krankheit bedrohtes Kind umsorgt. Das haben in den letzten achtzig Jahren junge Juden, nur sie, zustande gebracht. Die zwar stets gefährdete und dennoch bewahrte Dauer genügte ihnen nicht mehr; sie wollten, daß ihr Volk wie jedes andere seinen Bestand fortab nicht nur in der stets wechselnden Zeit, sondern in seinem eigenen, unverwechselbaren Räume gründe.

Während nun mein Blick auf den Wällen ruht, welche die viel umstrittene Stadt umschließen, suche ich ohne Hast, mit Gleichmut zu erforschen, welcher Art mein Judesein ist, mir selbst darüber Aufschluß zu geben, was mir heute und hier das Judentum bedeutet, zu welchem ich nicht nur durch Geburt, sondern weit mehr noch deshalb gehöre, weil ich es auch unter den schlimmsten Bedingungen stets so gewünscht habe. Und das geschah von Anbeginn nicht wegen, sondern trotz seiner Auserwähltheit. Ob diese nun eine unentrinnbare Gnade oder eine zu schwere Bürde ist – diese Frage hat mich nur in jungen Jahren bekümmert, denn früh genug entdeckte ich, daß die Gnade uns anhaftet wie ein Höcker den Schultern – nicht leichter als von diesem kann man sich von der Gnade, der erdrückendsten aller Lasten befreien.