Mit Spezialitäten soll der schrumpfende Biermarkt wieder zum Schäumen gebracht werden

Die Nostalgiewelle hat den Biermarkt erreicht – zumindest in München. Bereits zwei der noch sechs Münchner Großbrauereien setzen jetzt auf das dunkle Bier, das seit Anfang der sechziger Jahre angesichts des Trends zum hellen Export und zum herben Pils immer mehr an Boden verloren und zuletzt überhaupt keine Bedeutung mehr hatte.

Plötzlich war es wieder da; und auch auf dem Oktoberfest wird in diesem Jahr verstärkt für das traditionelle bräunliche Wiesen-Märzen getrommelt, das in den vergangenen Jahren immer mehr dem vermeintlich "schlankeren" Hellen weichen mußte. Ist dunkel wieder schick?

Natürlich gehen darüber auch die Meinungen der Braubosse in der weiß-blauen Biermetropole auseinander. Jedenfalls hat Münchens, dem Ausstoß nach, nun größte und expansivste Brauerei Paulaner-Salvator-Thomas schon vor knapp zwei Jahren ihr "Altmünchner Dunkel" propagiert, das sich nach den Worten ihres Chefs Rudolf Scheßl nach wie vor an "höchsten Zuwachs-, raten" erfreut. Es hat inzwischen den Ausstoß des Paulaner-Renommier-Starkbiers Salvator erreicht, fast 50 000 Hektoliter, und beide zusammen kommen so schon auf wesentlich mehr als fünf Prozent des Ausstoßes. Scheßl ist allerdings realistisch: Dieser neue, alte Spezialmarkt ist deutlich begrenzt; sich mehr als zehn Prozent zu erhoffen, wäre unrealistisch.

Ähnlich sieht es Vorstandsmitglied Walter F. Zeller von der Spaten-Franziskaner-Bräu KG a. A., die zum Sommerbeginn ihr dunkles Exportbier unter dem Slogan "Beliebt wie vor einhundert Jahren" vorgestellt hat. Zeller veranschlagt die Zuwachsraten auf zwanzig bis dreißig Prozent, wobei man allerdings die kleine Basis berücksichtigen muß. Der Trend geht nach oben, auch überregional.

So erreicht auch bei Spaten das "Dunkle" einschließlich des Starkbiers, von dem allerdings drei Viertel im Februar und März abgesetzt wurden, schon einen Anteil von annähernd fünf Prozent (über den ganzen Markt gibt es keine exakten Angaben, doch dürften die dunklen Sorten in Bayern auf kaum mehr als drei Prozent kommen). Bei aller Begeisterung für das neuentdeckte Marktsegment (Zeller: "Das dunkle Bier hat Münchner Bier einst weltweit bekannt und berühmt gemacht") nimmt man auch bei Spaten an, daß sich die Quote "irgendwo zwischen fünf und zehn Prozent" einpendeln wird. Paulaner wie Spaten legen Wert darauf, daß die dunkle Farbe durch ein besonderes Herstellungsverfahren erzielt wird, indem man die Gerste bei höherer Temperatur "abdarrt", das Malz also keineswegs eingefärbt wird. In den sechziger Jahren hatte es Aufsehen erregt, als bekannt wurde, daß auch einige Münchner Brauereien ihr Bier künstlich "nachdunkelten".

Paulaner scheint auch das Dunkle etwas herber als Spaten zuzubereiten. Das dunkle Paulaner kostet nach Angaben Scheßls soviel wie das helle Exportbier, das Hektoliterfaß 124 Mark und die Halbliterflasche 61 Pfennig ab Brauerei; im Heimdienst kommt das 20-Flaschen-"Tragerl" auf etwa 14 Mark zu stehen. Spaten verlangt 67 Pfennig für die Halbliterflasche und 15 bis 16 Mark für das "Tragerl" frei Haus. In der Gastronomie muß man wohl für die "Neu"-Spezialität einige Pfennige mehr als für das Helle hinlegen.