Von Rolf Michaelis

Märchen gehen meistens gut aus. Auch "Wintermärchen"? Peter Zadek, der am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg die Vers und Prosa mischende, tragikomische Romanze des alten; Shakespeare, "Das Wintermärchen" (1611), inszeniert, erinnert sich bis zur letzten Sekunde seiner fünf Stunden dauernden Aufführung an den Satz, der wie ein Motto über den fünf Akten steht: "Ein trauriges Märchen ist besser für den Winter."

Trauriges Märchen? Also: kein Märchen. Also geht die Geschichte in Hamburg auch nicht glatt auf. Zwar treten die beiden winterlich alten Paare und das den "Frühlingsblumen" gleichende Prinzenpaar, die sich am Ende (wieder)finden, mit all den Ladys und Lords, Schäferinnen und "Hammelpflegern" zum Reigentanz an – doch einer ist und bleibt allein. Das merken wir erst, wenn die Spieler der letzten Szenenanweisung des Autors folgen ("Alle ab") und fröhlich umarmt ins Dunkel hinter der Bühne ausschwärmen, "wo wir", wie es der Schlußsatz verheißt, "in Ruhe, jeder von uns, fragen und antworten können, was in dieser langen Zeit passiert ist, seitdem wir getrennt wurden".

Wie selbstverständlich trabt auch Polixenes, König von Böhmen, in dieser Herde der Glücklichen mit. Doch dann wird sein Schritt langsamer. Er bleibt stehen, dreht sich um. Die dürre, immer gebeugte Gestalt des Schauspielers Hermann Läuse scheint sich zu krümmen. Noch hilfloser wird der Ausdruck auf dem Trauergesicht des Mannes, der immer kurz vor dem Weinen zu sein scheint (und – auch deshalb? – ein großer Spaßmacher sein kann). Unter dem plötzlich kalt wirkenden Licht der Scheinwerfer geht diesem Mann, verloren auf leerer Bühne, dessen schneeweißer Schnauzbart jetzt gar nicht mehr komisch ist, auf, daß er ja gar niemanden zu "fragen und antworten" hat. Stumm fragt er sich (und uns): Hat in diesem Paradies-Sizilien des "Wintermärchens" einer nicht alles verloren: den königlichen Freund Leontes, den ehrlichen Berater, Camillo, den einzigen Sohn. Florizel, der sich in die südländische Prinzessin verliebt hat? Einsam schleppt sich, ehe in Hamburg der Vorhang fällt, ein alter Mann von der Bühne.

Wohin? Mit dieser Frage entläßt Zadek die Zuschauer seines vor Einfällen sprühenden, Klamauk nicht scheuenden, doch immer wieder Momente nachdenklicher Stille suchenden, "traurigen Märchens".

Glück/Unglück, Freude/Trauer, Leben/Tod: Gegensätze fallen zusammen in einem manieristisch opernhaften Traumspiel, in dem nach sechzehn Jahren eine totgeglaubte Tochter mit einem Prinzen an der Hand wieder auftritt, eine scheintote Ehefrau als Statue erscheint, zum Leben erweckt wird und dem erfreut verdutzten königlichen Gemahl in die Arme sinkt.

Umgekehrt geraten in diesem barocken Mysterienspiel von Liebe, Eifersucht und Tod alle scheinbar eindeutigen Eigenschaften ins Zwielicht, fallen Gefühle auseinander – in jetzt gute, jetzt schlechte. Wer spräche nicht dem böhmischen Prinzen Florizel nach, dessen Vater ihm die Liebe zu einer Schafsmagd verbietet: "Lieber bin ich verrückt als vernünftig, wenn meine Vernunft meinen Gefühlen nicht folgt." Da kann der königliche Rat Camillo nur jammern: "Alles Wahnsinn!" Aber hat derselbe Camillo denselben Seufzer nicht ausgestoßen, als er Ratgeber in Sizilien war und mitansehen mußte, wie sich König Leontes in den "Wahnsinn" grundloser Eifersucht verrannte, weil er, wie er später erkennt, "zu sehr geliebt"?