Von Eduard Neumaier

Die Bundesrepublik wird mit einem hochpolitischen Besuch beehrt, doch wird der Gast vielleicht mit keinem einzigen Politiker sprechen: Der Primas von Polen, Stefan Kardinal Wyszyński, hält sich fünf Tage lang in unserem Lande auf, eingeladen vom deutschen Episkopat. Daß der 77 Jahre alte Kirchenfürst von der Regel abwich, außer in den Vatikanstaat in kein anderes Land zu reisen, und daß er diese Regel zugunsten der Deutschen durchbrach, ist nicht hoch genug einzuschätzen. Dieses delikate Ereignis verlangt viel Geschicklichkeit und Takt: Wenn der Repräsentant des katholischen Polens bei jenen Deutschen zu Gast ist, die sich in der Nachfolge des Reiches sehen, dann zieht er die Aufmerksamkeit nicht nur des katholischen Bevölkerungsteils in der Bundesrepublik auf sich, nicht nur das gespannte Interesse von 33 Millionen polnischen Katholiken, sondern auch die Bundesregierung, das Regime in Warschau und die Regierung in Ostberlin sind aufmerksame Beobachter dieser Reise von Nation zu Nation.

Als der polnische Parteichef Edward Gierek vor zwei Jahren in die Bundesrepublik kam, bezeugte er für das kommunistische Regime den Willen zur Verständigung. Kardinal Wyszynski verkündet womöglich mehr: die Bereitschaft der polnischen Katholiken, und das sind fast alle Polen, zur Versöhnung mit den Deutschen. Alle Begegnungen der Politiker bleiben Stückwerk, wenn sie nicht für ihr Volk sprechen können. Für das polnische Volk gilt immer noch, daß das Denken und das Verhalten von der katholischen Kirche stärker bestimmt wird als von der kommunistischen Partei. Kardinal Wyszyński, der an der Spitze der politisch und im Glauben stärksten katholischen Kirche der Welt steht, hat diesen Einfluß gerade im Verhältnis zu den Deutschen wirken lassen.

Der Briefdialog zwischen dem polnischen und dem deutschen Episkopat im November/Dezember 1965 unterlief die unversöhnliche Haltung des Warschauer Regimes. Und er traf auf eine deutsche Öffentlichkeit, die noch nicht so weit war, die Oder-Neiße-Grenze als unverrückbare Realität zu betrachten. Daß es ein Pole damals wagte, entgegen der politischen Linie den Deutschen zu schreiben: "Wir gewähren Vergebung und bitten um Vergeben" – das hat die Kommunisten nicht nur maßlos ergrimmt, es hat auch die politischen Gläubigen verwirrt oder bestürzt. Vor dem Hintergrund einer damals erst zwanzig Jahre zurückliegenden Schreckenszeit und einer Staatspropaganda, die Westdeutschland als den Herd verbissener Revanchisten darstellte, war Wyszyńskis Geste der Vergebung nicht minder groß als später die Reise des Ägypters Anwar al Sadat nach Jerusalem.

Eine wüste Hetze des Regimes suchte den Kardinal als Vaterlandsverräter abzustempeln – nichts Neues für Wyszyński, der in der stalinistischen Ära ebenso beschuldigt worden war. Wie an den Märtyrern Roms aller Geifer abglitt, so blieb der Kirchenfürst ungerührt, fest in seiner Vaterlandsliebe und in seinem Glauben ruhend. Erst vor zwei Monaten bestätigte ihm der Kirchenbeauftragte der Warschauer Regierung, er sei "ein hervorragender polnischer Patriot". Und: "Wir wünschten, daß die Rolle der Kirche noch größer wäre." Der Grund dieses für die Kirche schmeichelhaften Wunsches ist klar: Ohne den moralischen Zuspruch des Katholizismus würden sich die Polen dem Staat vollends verweigern.

Solche Aussagen verraten, welch schmerzhaften Lernprozeß die Kommunisten in Polen durchgemacht haben, die in 33 Jahren der Staatsbeherrschung nicht nur nicht ihr Monopol festigen konnten, sondern die katholische Kirche als quasi siamesischen Teilhaber akzeptieren und sogar anerkennen mußten, wie die historische erste offizielle Begegnung eines polnischen Parteichefs mit dem Primas der polnischen Kirche letztes Jahr gezeigt hat.

Die Kommunisten haben begriffen, daß die katholische Kirche Polens in den Augen sogar nichtgläubiger Polen seit tausend Jahren die Nation verkörpert; sie haben eingesehen, daß Polens Kirche sich nicht als politische Opposition versteht, sondern als Stimme des Volkes. Das Volk wiederum hat die Kirche in den letzten 180 Jahren allein in der Rolle seines Verteidigers erlebt, zunächst gegen Russifizierung‚ und Germanisierung, dann gegen die Invasionen der Nationalsozialisten und der Bolschewiken, in der kommunistischen Phase gegen staatliche Willkür. Sie verteidigt Opfer staatlicher Unterdrückung, aber sie zügelt mit ihrer Autorität auch den Unmut des Volkes gegen schreiende Mißstände.

Kardinal Wyszyński, ein Asket und Moralist, ist die Stimme dieser Kirche. Sein Mut hat der Verständigung zwischen Deutschen und Polen eine Gasse geschlagen. Es ist nicht sicher, daß in Deutschland das konservative Lager wirklich begriffen hat, was er tat. Es haben ja nicht einmal alle Katholiken die Größe seiner Geste erkannt.