Von Jeanine Meerapfel

Ein Lichtstrahl zielt im Dunkeln auf die traurig-romantische Erscheinung eines Clowns. Sein märchenhaftes Kostüm mit Pailletten stammt aus der Zeit der Jahrhundertwende, sein Gesicht ist ganz weiß, bis auf die übertriebene Zeichnung einer Augenbraue.

Picasso hat solche Gestalten gemalt. Melancholisch bläst der Weißdorn in sein Saxophon. Er geht das ganze Rund der Manege ab, verharrt immer wieder direkt vor dem Publikum und bezieht es so nach und nach in eine lyrische Stimmung ein: eine ganz behutsame, aber intensive Reminiszenz, ein Appell an unsere Erinnerungen, was der schöne alte Zirkus einmal war.

Plötzlich erschallt ganz hell, ganz laut eine Trompete: Es ist der August Dédé, der voller Vitalität antwortet. Dann, weil’s so schön ist, kommen noch andere dazu, und sie spielen gemeinsam und mit vollen Backen und so laut es geht einen der ältesten Zirkusmärsche der Welt. Das Publikum tobt, klatscht im Rhythmus und verlangt mehr. Also das Ganze noch einmal.

Es ist zum Lachen und zum Weinen, es ist komisch, poetisch, traumhaft. Es ist der "Cirque Gruss à l’Ancienne de Paris" ein französischer Familienzirkus "der alten Art". Nach einem mehrmonatigen Gastspiel auf der Plattform des Centre Beaubourg haben sie auf Einladung der Berliner Festwochen ihr blaues Zelt auf dem Matthäikirchplatz neben der Nationalgalerie aufgebaut. Das Gastspiel dauert bis zum 1. Oktober. Zirkus der alten Art: Das heißt nicht, das Flutlicht durch Öllampen zu ersetzen, sondern die verlorengegangene Unmittelbarkeit von Zirkus wiederherzustellen. Die Familie Gruss (im Deutschen "Grüß" ausgesprochen) will den klassischen Zirkusfiguren und -nummern wieder einen Platz einräumen, will diese alte Kunst nicht verschwinden lassen unter einer bombastischen Ausstattung, imposanten Mengen von exotischen Raubtieren oder super-ausgetüfteltem technischen Brimborium. Die Gruss’ wollen den Zirkus auf seinen Ursprung, auf seine Substanz zurückbringen.

Alexis Gruss junior, 33, beschreibt diese Absicht äußerlich: "Im üblichen Zirkus werden fremde Artisten engagiert, jeder mit seiner eigenen Nummer, seiner Musik, seinen Kostümen, und der Direktor läßt sie nacheinander auftreten. Wir arbeiten wie unsere Väter. Die ganze Vorführung ist von Anfang bis Ende von einer Familie durchkonzipiert. Wir wählen den Stil aus, die Nummern, die Kostüme, die Musik, die Inszenierung. Ich bin Regisseur und Schauspieler zugleich."

Die Pferdenummern, die Hohe Schule des Kunstreitens, sind Zentrum des Geschehens, wie schon bei dem Begründer des Zirkus, dem englischen Offizier Philip Astley, im 18. Jahrhundert. Astley zeigte 1774 dem Pariser Publikum sein "Astley Royal Amphitheatre of Arts" im Marais. In dem gleichen uralten Pariser Viertel gründete genau 200 Jahre später, 1974, die Familie Gruss mit Hilfe der zirkusbesessenen Schauspielerin Sylvia Montfort ihren "Cirque à l’Ancienne" und die erste Zirkusschule. In diesem "Conservatoire National des Arts du Cirque et du Mime", das nach langen Kämpfen subventioniert wird, bekommen die Schüler (Mindestalter 12 Jahre) etwa drei Jahre lang staatliche Stipendien, und die Besten spielen gleich bei den Gruss mit.