Wie, so oft in heutigen Familien, besitzen junge Töchter sehr früh den Charme, den ihre Mütter – bedingt durch strenge Erziehung – erst in reifen Jahren erreichen. So ist auch die jüngste Tochter der Elementarteilchen-Physiker, die frühreife PETRA, von vornherein größer und runder als ihre Mutter DORIS.

Schon beim ersten Versuch, bei dem die am Hamburger Elektronen-Synchrotron DESY arbeitenden Physiker sogenannte Wechselwirkungen in PETRA erzeugen wollten, zeigte die neue Positron-Elektron-Speicherringanlage bereits eine Leistung, die durchaus mit der ihrer schön vier Jahre alten Mutter DORIS vergleichbar ist. Am letzten Wochenende konnte das einwandfrei nachgewiesen werden. Die ersten elf Elektron-Positron-Stöße wurden zwar schon eine Woche früher registriert. Aber Physiker sind mißtrauisch und glauben ihre Ergebnisse erst, wenn sie mehrmals bestätigt werden können. So war es auch jetzt bei PETRA. Das Ziel, normale Elektron-Positron-Zusammenstöße in der luftleeren Röhre des Beschleunigers zu erzeugen, ist erstmals erreicht.

Die Arbeit geht freilich weiter, denn Tochter PETRA soll ja viel besser als ihre Mutter werden, nicht nur in der Zahl der Zusammenstöße, sondern auch in der bei jedem Zusammenprall zur Verfügung stehenden Energie, die viermal so •groß wie bei DORIS sein wird. Damit soll ein noch tieferer Einblick in die Geheimnisse der Struktur der Materie erreicht werden. Physiker erwarten die Entdeckung der gebundenen Zustände des sechsten Grundbausteins der Materie, des Quarks mit der Bezeichnung truth ("Wahrheit", eine willkürlich so benannte Quark-Eigenschaft) und auch den Nachweis weiterer Mitglieder der Familie des Ypsilon-Teilchens. Überdies sind die Forscher an DESY auf das Erscheinen von Phänomenen gefaßt, die sich noch niemand vorstellen kann. Denn mit PETRA – Umfang 2304 Meter, 930 Strahlführungsmagnete, 750 Vakuumpumpen, bis zu vier Megawatt Hochfrequenzleistung – können Teilchen erzeugt werden, die vierzigmal schwerer als ein Wasserstoff-Atomkern sind. Die zwei Strahlen kreisen in entgegengesetzter Richtung im Ring und sind aus wenigen kleinen Teilchen-Paketen gebildet, die sich an einigen Punkten durchqueren.

Genau an einem dieser Punkte wurden jetzt die ersten Zusammenstöße beobachtet. Für Sekt war diesmal keine Zeit, denn Ende Oktober sollen bei PETRA die ersten Experimente anlaufen, an deren Vorbereitung einige Hundert Physiker mit Hochdruck arbeiten. GH