Von Josef Joffe

Wenn es um den Frieden geht, darf es weder Sieger noch Besiegte geben. Das Konklave von Camp David hat gleichwohl einen "Sieger" hervorgebracht: Jimmy Carter, es war seine Konferenz. Er hat geschafft, was selbst Sadat im vorigen November bei seinem kühnen Vorstoß nach Jerusalem versagt geblieben war – das Gerüst für eine Verständigung im Nahen Osten zu errichten.

In den dreizehn Tagen von Camp David hat der Präsident Mut, Beharrlichkeit und diplomatisches Geschick bewiesen. Obwohl bisher nur das Fundament und kein Gebäude steht, obwohl auch Amerikas Kärrnerarbeit jetzt erst richtig beginnt – Carter hat den spektakulärsten Erfolg in seiner zwanzigmonatigen Amtszeit errungen,

Die Geschichte kennt keine Parallele zu Camp David. Der Wiener Kongreß schuf wohl eine europäische Friedensordnung, die das gesamte 19. Jahrhundert überdauerte, aber er tagte und tanzte über ein Jahr lang. In Jalta und Potsdam trafen sich die drei Großen der Anti-Hitler-Koalition, doch ihre Bürde war leichter: Sie verteilten nur die Kriegsbeute, zimmerten aber keinen Frieden. Die drei Eingeschlossenen von Camp David spielten mit höherem Einsatz, und sie hatten weniger Zeit. Jimmy Carter warf den Rest seines Prestiges in die Waagschale; Begin rang um die gesicherte Zukunft seines Landes; und Sadat mußte beweisen, daß sein Alleingang nach Jerusalem rechtens und richtig gewesen war.

Carters waghalsiger Eingriff hat die dahinsiechenden Friedensbemühungen zwischen Ägypten und Israel wieder mit Leben erfüllt. Denn Sadats Reise nach Jerusalem war ein vorgezogenes Happy-End. Die Euphorie, die diese bewundernswerte Mission hervorrief, hatte schon den Winter nicht überdauert. Bereits im Januar 1978, als Sadat die offiziellen Gespräche abrupt unterbrochen hatte, zogen sich die Israelis und Ägypter wieder in ihre Gräben zurück. Jerusalem hatte zwar den Sinai zur Disposition gestellt, doch der ägyptische Präsident wollte erst nach dem israelischen Gelübde weiterverhandeln, alle besetzten Gebiete zu räumen. Die Begin-Regierung setzte statt dessen auf die göttliche Vorsehung und redete weiterhin von den "befreiten Gebieten", die nie wieder in fremde Hände fallen dürften. Sadat wie Begin starrten dabei immer ungenierter auf Carter, den Protektor und Partner – in der Erwartung, er werde die eigene Position absegnen und die des anderen mit sanfter Gewalt verrücken.

Mußte der amerikanische Präsident verheißungsvolle Zusagen machen oder mußte er erpressen, um zum Ziel zu kommen? Wieviel Druck war überhaupt nötig? Die Chancen für den Erfolg seiner Konferenz schienen anfangs zwar mager zu sein, aber sie waren doch größer als gemeinhin vermutet. Denn: In den Wochen davor hatten sich die beiden Kontrahenten fast unbemerkt genähert. Während der Verhandlungen mit seinem ägyptischen Amtskollegen Kaamel Ende Juli in Leeds Castle hatte Außenminister Dayan sich von den alten Formeln getrennt und zum erstenmal von der "Souveränität" der Westbank gesprochen; hierüber sollte nach einer fünfjährigen Übergangsperiode diskutiert werden können.

Das war das Signal, dessen Sadat bedurfte, um den Schritt vom "King David" in Jerusalem nach Camp David in Maryland wagen zu können. Schon kurz nach der Beendigung des Jom-Kippur-Krieges hatte er geschworen: "Dies wird der letzte Krieg während meiner Präsidentschaft sein." Der Erbe Nassers – der Führer der mächtigsten arabischen Nation, die während des dreißigjährigen Nahostkrieges den höchsten, Blutzoll entrichtet hatte – wünschte den Frieden mit Israel. Nur: Niemals durfte er diesen Frieden um den Preis des "Verrats" an der gesamtarabischen Sache erkaufen. Die Israelis mußten mehr bieten als nur den Sinai.