Ein Schultyp, um den in der Bundesrepublik noch immer heftig gekämpft wird

Von Claus Voland

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Die Lehrer der Gesamtschule saßen in den letzten Monaten über ganz besonderen Schularbeiten: Sie sollten ihre eigenen Erfolge und Mißerfolge aufschreiben. Die Bund-Länder-Kommission (BLK) für Bildungsplanung hatte ihnen einen siebenunddreißig Seiten starken Fragebogenkatalog ins Haus geschickt. Die Bildungsplaner verlangten detallierte Auskünfte über Schulleistung, Steigerung der Schulzufriedenheit, Unterrichtsorgänisation, Abschlüsse, Größe der Schule, Ganztagsbetrieb. Die erste bundesweite Bestandsaufnahme der Gesamtschulen wird Mitte 1979 in einem Bericht veröffentlicht. 1980 wollen die Kultusminister der Länder entscheiden, ob die Gesamtschule als Regelschule eingeführt wird; so hatten sie es 1973 vereinbart.

Der Streit um die Gesamtschule hat sich zum bildungspolitischen Dauerbrenner entwickelt. 1969 empfahl der Deutsche Bildungsrat, Versuche mit Gesamtschulen zu starten. Der Rat, ein Gremium von Professoren und Politikern, Mitgliedern der Gewerkschaften und der Kirchen schrieb im Vorwort seiner Empfehlung: "Die Gesamtschule nimmt für sich in Anspruch, erzieherische Forderungen optimal zu verwirklichen, die für eine demokratische Industriegesellschaft unbestritten von allen Seiten erhoben werden: Chancengleichheit für alle; Förderung des einzelnen gemäß Neigungen und Fähigkeiten; Vermeidung verfrühter Schullaufbahnentscheidungen und deren ständige Korrigierbarkeit; ein breites, der Vielfalt der Begabung und den Erfordernissen der Gesellschaft angemessenes Fächerangebot."

Die Kultusminister der Länder – auch die der CDU- oder CSU-regierten – nahmen die Empfehlungen auf und beschlossen noch im selben Jahr ein "Experimental-Programm mit Gesamtschulen". Der Bildungsrat – 1975 aufgelöst, da die Regierungen Bayerns und Baden-Württembergs ihn nicht länger mittragen wollten – hatte die Gesamtschulen in seinen "Strukturplan für das Bildungswesen" gepackt. Er sah vor: Kindergärten für die Drei- bis Vierjährigen, eine Herabsetzung des Einschulungsalters auf das fünfte Lebensjahr, die Fortführung der Schule nach der Grundschule (1.–4. Klasse) in einer Sekundarstufe 1 (5.–10. Klasse) und in einer Sekundarstufe II (11.–13. Klasse).

Der Grundgedanke der Reformer lautete: "Das Bildungswesen unter das Kriterium der Förderung, nicht mehr der Auslese" zu stellen. Das hieß: Die nebeneinander bestehenden Schultypen (Hauptschule, Realschule, Gymnasium) sollten mindestens bis zur 10. Klasse in einer Schule verschmolzen werden – zur integrierten Gesamtschule.