Von Rolf Michaelis

Ein Seufzer ist sein Credo: "Wer läßt sich nicht lieber die Haare scheren als den Kopf abschlagen!" So antwortete Joseph Breitbach 1977 in einem Interview, in dem es – bezeichnend für die Fragen, die man diesem Deutsch-Franzosen stellt – um Literatur und Politik ging, auf die Unterstellung, Reformen seien doch nur ein raffiniertes Mittel zur Erhaltung der Macht. Der Moralist, der im Geistigen und Literarischen so streng ist, hat nichts gegen Kompromisse in der Politik, denn "die Strukturen jeder Gesellschaft sind reformfähig. Nur der Mensch ist es nicht".

In den einundvierzig Texten (politischen Artikeln, literarischen Aufsätzen, Nachrufen, Erinnerungen, Reden, Polemiken) des neuen Buchesvon –

Joseph Breitbach: "Feuilletons zu Literatur und Politik", herausgegeben von Wolfgang Mettmann; Neske Verlag, Pfullingen, 1978; 236 S., 19,80 DM

findet man immer wieder solche Proben für kämpferischen Realitätssinn: ob Zuckmayers "Einsicht in die Natur des Menschen" erkannt, Jean Schlumbergers "Bestreben, von der Welt ein möglichst objektives Bild zu gewinnen", gerühmt oder Jean-Paul Satres "manichäisches Weltbild" der Kritik unterzogen wird, in dem es "nur ganz gute und ganz schlechte für jene gibt, die sich der einen oder der anderen Ideologie mit Fanatismus verschrieben haben".

Die kleine Sammlung von Kritiken und Porträts, politischen Berichten und Analysen ideologischer Fragen zeigt den Dramatiker und Erzähler Breitbach von einer neuen Seite. Man hat zwar in Zeitungen oder Zeitschriften den einen oder anderen Aufsatz lesen können – doch erst in der Zusammenstellung ergeben diese Texte aus dreißig Jahren ein literarisches und politisches Porträt auch des Autors. Wenn Breitbach in der Rede auf sein (nicht nur) literarisches Vorbild Jean Schlumberger (1877–1968), dem er gleich die erste der gründlichen Anmerkungen widmet, diesen Schriftsteller wie überhaupt französische Kunst und Kultur gegen den Vorwurf der Scheu vor geistigem Radikalismus oder ihrer Abgrenzung gegen metaphysische Spekulationen" verteidigt, so spricht der am 20. September 1903 in Koblenz geborene Nachkomme lothringischer und Tiroler Familien auch in eigener Sache: Er hat es lieber mit der Realität und der menschlichen Natur, gegen deren Verketzerung durch Pfaffen – schwarze und rote – er die Feder wetzt.

In den zumeist knappen, mit Eleganz und Ironie formulierten "Feuilletons" dieses Bandes lernt man einen skeptischen Einzelgänger kennen, aber einen geselligen; einen Bücherwurm als Salonlöwen; einen Schwerarbeiter (dessen Hauptberuf jahrelang die Leitung von Kaufhausbetrieben war) als Leichtfuß; einen pessimistischen Menschenfreund. Das Lob, das er dem Freund André Gide nachruft, gilt auch ihm: "ein großer Empfehler von Menschen". Das meint nicht nur die verschwiegene Art, bedrängten Menschen zu helfen, seien dies deutsche Kriegsgefangene in Frankreich oder jüngere Kollegen in Not, sondern auch den Impuls, wenig bekannte Autoren im anderen Sprach- und Kulturkreis vorzustellen (Jacques Rivière, Luc Durtain, Louis Guilloux).