Fröhlich, kritisch, tolerant – Viele zweifelten an der sozialen Marktwirtschaft / Von Eduard Neumaier

Freiburg, im September

Es ging auf Mitternacht zu. Die Nacht von Samstag auf Sonntag war lau. Vor der Marienkirche im Zentrum Freiburgs trugen Lautsprecher das Kommando eines jungen. Mannes in die in warmes Licht getauchten Gassen und zu Hunderten von jungen Menschen: "Alles faßt sich an den Händen, dann rechtes Bein, dann linkes Bein und so fort!" Eine Musikband spielte einen jüdischen Volkstanz. Zehn, fünfzehn Reigen setzten sich in Bewegung; Hunderte sangen mit. Andere drängten sich um den Ausschank einer Kaiserstühler Winzergenossenschaft. Daneben schnitten Mädchen kostenloses, würziges Bauernbrot in Scheiben. Etwas abseits standen ein paar Nonnen, die lächelnd dem Treiben zusahen, Eine der üblichen Freiluftveranstaltungen gegen Langeweile? Nein, fröhliche Katholiken.

Ein kirchliches Happening

Freiburg am 85. Katholikentag – eine Stadt, die scheinbar immer ihr Sonntagsgewand anhat, hatte für fast eine Woche Festtagstracht angelegt. Die Heiterkeit der südbadischen Domstadt und ein wolkenloser Himmel wurden zur fast kitschig-schönen Kulisse eines Katholikentreffens, das in den letzten zwanzig Jahren nicht seinesgleichen hatte: Ein religiöses Volksfest, ein kirchliches happening. Weder ein trotziges Bekenntnisfest jener Art, mit der sich die Laien in der Zeit vor dem Dritten Reich gegen eine protestantische Mehrheit im Lande behaupten wollten, noch eine Demonstration kritikloser Gefolgschaft, wie es für die Veranstaltungen der Nachkriegszeit bis zum Jahre 1968 üblich war. Auch hatte dieser Katholikentag keine Ähnlichkeit mit jenem "protestantischen" Kirchentag von 1968, als die junge katholische Generation gleich ihren Gefährten an den Universitäten gegen das Establishment revoltierte. Und schon gar nicht glich er jener Veranstaltung vor vier Jahren in Mönchengladbach, als ein paar tausend Elitekatholiken ohne Volk vor sich hin diskutierten. Diesmal war alles anders: die Teilnehmer, die Atmosphäre, die Hierarchen. Fröhlich, kritisch, tolerant – so schien das geheime Losungswort zu lauten.

Der rheinland-pfälzische Ministerpräsident Bernhard Vogel kann sich nicht erinnern, je einen so jungen Katholikentag erlebt zu haben. In der Tat, Freiburg war überlaufen von Jugendlichen. Mehr als die Hälfte der täglich 30 000 Besucher, fast drei Viertel des Publikums in den Diskussionskreisen, waren junge Leute unbekümmert, in oft verwegener Aufmachung, fast alle in Jeans, viele mit einem Kirchentags-T-Shirt angetan, auf dem als Symbol eine riesige bunte Rosette leuchtete.

Sie meldeten sich mit kritischem Ernst zu Wort, wie etwa jener junge Mann im Forum über eine neue Wirtschaftsethik: einem Referenten, der die soziale Marktwirtschaft als den gegebenen Rahmen für die katholische Soziallehre ausgab, hielt er das abgewandelte Jeremias-Wort entgegen: "Ich will euch Hoffnung geben..." und wollte damit das Auditorium trösten, das mit recht konservativen Thesen nicht einverstanden sein wollte. Wer auf dem Kirchentag konventionelle Töne anschlug, hatte überhaupt einen schweren Stand: Ludolf Hermann, Chefredakteur der Deutschen Zeitung, brachte die Mehrheit der Zuhörer gegen sich auf, sogar die Mainzer Kultusministerin Hanna-Renate Launen auf dem Podium, als er im Forum über "Politisches Engagement und ohnmächtige Resignation" Sätze wie "Freiheit lebt zuallererst von bürgerlicher Pflichterfüllung" oder "Es ist unterhaltsamer, ein bißchen Revolution zu machen als Examen", zum besten gab. Als es um Wehrpflicht und Wehrdienstverweigerung ging, schien sich das Forum in einen Kongreß der Verweigerer verwandelt zu haben. Eine Utopistin aus Wien, abhold jeglicher Gewalt, schlug allen Ernstes vor, es gegen Feinde einzig mit dem Evangelium zu probieren, – sie erntete rasenden Beifall. Ein junger Mann fragte, ob, man nicht die Gewissensprüfung für Dienstwillige einführen müsse.