Jedes Kind hat irgendwann einmal mit einem Stück Schnur, zu einem Kreis geknüpft, Schlingen über die Finger gezogen. Durcheinanderfädeln, ineinander verweben, verstricken, vergittern. Abheben, über die Hand stülpen. Dann das Ganze von der Hand streifen, ein bißchen dran ziehen, und alles hat sich aufgelöst. Mit Schnur wird gespielt; mit Gummiband ebenso.

Ich kann mich nicht erinnern, daß jemals mit diesem fadenscheinigen Spielchen formalisiert, das heißt; nach festen Regeln Wettkämpfe ausgetragen wurden, wie wir das mit Bällen, Murmeln, Schachfiguren, Halmakegeln und allem möglichen anderen Spielmaterial getan haben. Und doch – die Schnur hat jahrelang ihren Zauber und ihre Faszination nicht verloren.

Nun ist das Fadenspiel beileibe keine Erfindung unserer Zeit und erst recht nicht unseres Kulturkreises. Neger und Indianer, Chinesen und Australier, Eskimos und Südseeinsulaner, alle spielten und spielen noch heute mit Schnüren, Kordeln, Bändern und Fäden.

Der DuMont-Verlag, der in den letzten Jahren schon ein paar spielerische Outsiderthemen aufgegriffen und zauberhaft umgesetzt bat (Tangram, Labyrinthe usw.) hat jetzt ein neues Buch an der Leine. Das Hexenspiel zeigt, was man bei uns und woanders mit einem Stückchen Schnur alles machen kann. Fadenspiele leben von der dynamischen Bewegung und dem Reiz der graphischen Wirkung des Ergebnisses. Beides ist in dem Buch geschickt eingegangen, Über 100 Kordelfiguren, sind dargestellt, und zwar so, daß man sie selbst, nachschlingen kann: Und wer es auf dem Bild nicht begreift, kann sich auf die knappen Begleit-Beschreibungen stützen.

Fadenspiele regen die Phantasie an. Offensichtlich auch die des Autors, denn er hat mit aussagekräftigen Titeln zu den einzelnen Figuren nicht gegeizt. Da gibt es einen Affenpopo, einen Kopfjäger oder Silau, den kleinen Geist. Kam Mumun oder der Pindikigriff verheißen Exotisches. Und wer sich durch das Buch: spielt, geht zugleich auf eine kleine Weltreise; doch Kulturhistorie ist nur dezent vierpackte Begleiterscheinung; wirkt unaufdringlich, ist einfach nun ein bißchen vorhanden.

Liebenswerte Zuwaage: Zu dem Buch gehört eine Perlonschnur, bereits fertig zu einem Ring gefügt und mit mehreren leuchtenden, ineinanderfließenden Farben eingefärbt. Lesen kann man so ein Buch ohnehin nicht. Aber dann und wann ein bißchen darin blättern und fadenspielen ... Tom Werneck

Das Hexenspiel, DuMont Verlag, Apostelnkloster 21, 5000 Köln 1, 28,– DM