Von Dieter Piel

Vor gut sechs Jahren, am 23. Juni 1972, verließ Großbritannien eine Einrichtung, die die europäischen Staaten zum gemeinsamen Schutz ihrer Währungen gegen weltweite Unruhen an den Devisenmärkten geschaffen hatten und die zu diesem Zeitpunkt erst zwei Monate alt war: die sogenannte "Schlange", die ihren Namen noch dem wortfreudigen Karl Schiller verdankt und die, merklich geschrumpft, noch heute lebt. Knappe acht Monate später, im Februar 1973, scherten die Italiener aus.

Der Abschied dieser beiden wichtigen Länder war zwar spektakulär. Doch die anderen, voran die Bundesrepublik, nahmen ihn ohne sonderliche Trauer hin: Sie waren eher froh, zwei Partner los zu sein, deren Mitwirkung eine auf Stetigkeit und Stabilität gerichtete Währungspolitik eher schwerer als leichter gemacht hätte.

Die Erinnerung an diese beiden Ereignisse konnte manchen Beobachter ratlos machen, der den jetzt amtierenden Bundesfinanzminster Hans Matthöfer vor wenigen Tagen aus Brüssel vernahm. Er habe, sagte Matthöfer am Rande des jüngsten Treffens der europäischen Finanzminister, "Grund zu der Hoffnung", daß sich unter anderem auch Briten und Italiener an einer neuen Währungspolitik beteiligen werden. Sie soll im kommenden Jahr beginnen. Ihre Organisationsform soll zwar nicht mehr "Schlange", sondern "Europäisches Währungssystem" genannt werden ‚aber im Prinzip wird sie nichts anderes sein als die Schlange. Den Lästigen von damals schlagen nun Hoffnungen entgegen – ein bemerkenswerter Wandel.

Für fast noch größere Ratlosigkeit sorgt ein anderer Umstand. Die Franzosen, die sich zunächst im Januar 1974 aus der Schlange verabschiedet hatten, ihr dann im Juli 1975 wieder beitraten, um sie im März 1976 zum zweitenmal zu verlassen – diese wankelmütigen und so wenig kooperativen Franzosen werben nun, gemeinsam mit den Deutschen, besonders nachdrücklich für das neue europäische System. Die Einigung über die wünschenswerte Form dieses Systems, die Bundeskanzler Helmut Schmidt und Staatspräsident Valéry Giscard d’Estaing vor einer Woche erzielt haben, gilt als der entscheidende Grundstein einer Währungspolitik, die schon jetzt in Bonn als die größte europäische Leistung seit der Gründung und Erweiterung, der Gemeinschaft gepriesen wird. Das Neue: Im Verkehr der teilnehmenden Währungen untereinander werden sich die Zentralbanken wieder, fester Wechselkurse bedienen. Die Höhe der Umtauschkurse soll nicht mehr, wie beim Floating, den Marktkräften überlassen werden.

Noch besteht nicht überall Einvernehmen darüber, wie man den frappierenden Sinneswandel bei Franzosen, Briten, Italienern und Deutschen deuten soll: als Aufbruch zu einer neuen europäischen Politik, als den Beginn der bislang erfolgreichsten Abwehr der kranken Dollar an den Devisenmärkten, als Voraussetzung eines nunmehr mustergültigen Kampfes gegen Inflation und Arbeitslosigkeit – oder nur als Verwirrung der Sinne. Daß letzteres im Spiel sein könnte, vermuten noch immer manche Sprecher der Kreditwirtschaft wie etwa der Sparkassen- und "Sparerschutz"-Präsident Helmut Geiger.

Die meisten Bürger aber, die es letztlich ja angeht, vermuten wahrscheinlich gar nichts. Die Einzelheiten dieses Europäischen Währungssystems sind derart diffizil, daß kaum jemand sie begreift. Dieses "EWS" mag für Politiker und ständige Beobachter bedeutsam sein, dem Mann mit der Morgenzeitung, am Frühstückstisch sagt es gar nichts. Das hat, außer Nachteilen, den Vorteil, daß die Regierungen in Paris, London und Rom nicht gar so mühsam nach Worten suchen müssen, um zu erklären, daß sie sich nun an einem Projekt beteiligen wollen, dem sie zuvor mindestens einmal den Rücken gekehrt haben.