Von Fritz J. Raddatz

Larve und Libelle zugleich, bösartig und zart, zudringlich und zurückhaltend, ein indiskreter Voyeur, der nie schamlos ist: das ist Hubert Fichte, Schriftsteller und Interviewer. Eine Zecke, die den Schmerz der anderen wahrnimmt.

Fichtes Interviews sind Literatur. Was er mit ihnen leistet, darf nicht mißverstanden werden als Vorform zum Werk, als Abweg gar. Es ist Teil des Werkes; denn moralische Archäologie ist es immer. In seinen paraphrasierenden Romanen wird das zur Spiegelschrift des "inneren Dialogs", also der steten, unerbittlichen Sonde ins eigene Ich. Er legt Hand an sich in des Wortes vielfältigster Bedeutung. Ob es da Strukturen einer spezifisch homosexuellen Literatur – nicht: Literatur über Homosexualität – gibt, müßte einmal untersucht werden, von Proust bis Baldwin. Fichtes Prosa hat nie etwas Strotzendes, Weltsüchtiges; sie ist eigensüchtig – auf der Suche nach vergangener Verletzung. Leben nämlich ist bei ihm unendliche Kette von Verletzungen.

Verzwirnt er diese Selbsterfahrung in seinen Romanen, so dröselt er sie auf in seinen Interviews. Sie sind bezeichnenderweise nie Gespräche, keine Diskurse. Es sind Fragebohrungen in fremde Leben hinein, gierig und den anderen aussaugend, entblößend, aber nicht bloßstellend. Eher umgekehrt: offensichtlich ist die Interview-Situation für die "Opfer" Gelegenheit, über sich selber nachzudenken, in Antworten zu bislang verschütteten Klarheiten zu kommen. Das war schon deutlich in den (hier wieder abgedruckten) "Interviews aus dem Palais d’Amour", die eine Welt von Ehrlichkeit vorführten, wie sie in der VIP-Lounge des Frankfurter Flughafens wohl nicht vorstellbar ist.

Auf schlichtweg grandiose Weise ist das in den hier zuerst veröffentlichten Gesprächen mit Wolli, dem sächselnden Puff-Besitzer von der Reeperbahn, gelungen, der unter Dali- oder Janssen-Blättern auf einem Empiresofa hockend ebenso gelassen den Karton voller Geldscheine darunter hervorzieht, wie an der Haschpfeife ziehend über Gide, Marx oder Gandhi spricht –

Hubert Fichte: "Wolli Indienfahrer"; S. Fischer Verlag, Frankfurt, 1978; 448 S., 28,– DM.

Für Fichte ist dieser Wolli und seine Puff-Etage, die er am liebsten betreiben möchte wie "das Modell von Zeiss, Jena", ein Glücksfall. Aus verschiedenen Gründen.