Von Rainer Gansera

Von den großen Regisseuren des italienischen Nachkriegs-Kinos (Antonioni, Fellini, Visconti, De Sica) ist Roberto Rossellini (1906 bis 1977) der unbekannteste geblieben. Zwar pries die internationale Kritik seine Filme "Rom, offene Stadt" (1945) und "Paisà" (1946) als Meisterwerke des Neorealismus, doch seine spätere Entwicklung zu einem sehr persönlichen, offenen Stil hin stieß eher auf Befremden und Ablehnung. Den Klatschspalten blieb Rossellini, wegen seiner Verbindungen mit Anna Magnani und Ingrid Bergman, ein dankbares Objekt, doch seine Filme – bis hin zu den späten Fernseh-Arbeiten – harren zumindest hierzulande noch der Entdeckung.

Den ersten umfassenden Überblick über das Werk von Roberto Rossellini bietet zur Zeit das Westdeusche Fernsehen/WDR III. Bis zum Januar 1979 zeigt die Kölner Filmredaktion noch dreizehn Rossellini-Filme, die später von anderen Dritten Programmen übernommen werden sollen: "Paisà" (25. September, 21.15 Uhr), "Deutschland, Jahr Null" (2.10.), "L’Amore" (9. 10.), "Die Maschine, die die Bösen tötet" (16. 10.), "Franziskus, der Gaukler Gottes" (23. 10.), "Europa 51" (30. 10.), "Reise in Italien" (6. 11.), "Die Angst" (13. 11.), "Der falsche General" (20. 11.), "Es wird Nacht in Rom" (27. 11.), "Viva l’Italia" (4. 12.), "Vanina Vanini" (18. 12.), "Descartes" (8.1.).

Als Ergänzung zu dieser Retrospektive läuft am 23. 11. ein Film über Roberto Rossellini von unserem Autor Rainer Gansera, einem der Redakteure der Münchner Zeitschrift "Filmkritik". HCB

Der Neo-Realismus verweigert sich per definitionem der Analyse von Personen und ihren Handlungen, sei diese Analyse politisch, moralisch, psychologisch, logisch, sozial oder was immer Sie wollen. Er betrachtet die Realität als einen Block, als Gesamtheit, sicher nicht unverständlich, aber untrennbar", schreibt André Bazin in der "Verteidigung von Rossellini". In einem Kapitel über die Erzählweise Rossellinis verwendet er als Bild, daß die Ereignisse in ihrem Ablauf nicht ineinander greifen wie Zahnrad und Kette, sondern nacheinander liegen wie Steine in einem Fluß; man springt von einem zum andern, will man ans andere Ufer. Wenn man die Geschichten der Rossellini-Filme erzählen will, braucht man nur wenige Sätze oder man muß alles genau erzählen. Die einzelnen Situationen haben die Komplexität wirklicher Situationen, die Inszenierung läßt sich auf die Materialität des Inszenierten und dessen Rhythmus ein, wodurch das Jetzt ein Möglichkeitsraum, ein Entscheidungsraum wird und damit die Situation offen für verschiedene Handlungen und Handlungsfortgänge.

In "Viaggio in Italia"(Reise in Italien, 1953) gibt es zwei Szenen, die fast völlig symmetrisch zueinander sind. Bei der Ankunft im Hotel in Neapel treffen die Eheleute, George Sanders und Ingrid Bergman, ein ruhiges englisches Rechtsanwalts-Ehepaar, auf Bekannte: vier Frauen und ein Mann, die etwas unternehmen wollen. Man geht zusammen essen. Dabei passiert es, daß George Sanders, an dem einen Ende des Tisches, sich aufmerksamst seiner hübschen Nachbarin zuwendet, und Ingrid Bergman am anderen Ende des Tisches schaut dem erschreckt-irritiert-geniert zu. Aber gerade so ist diese Situation nicht erzählt, ihre Qualität besteht darin, daß sie auch wie ein Kurzfilm über ein damaliges Ins-Eßlokal-Gehen ist. Man sieht ausführlich, wie Tische zusammengestellt werden, wie Floskeln, Sätze, Angebereien durcheinander erzählt werden. Die Musiker im Lokal, der Sänger haben mindestens ebensoviel Großaufnahmen wie Ingrid Bergman, und erst ganz zum Schluß, wenn Ingrid Bergman über den Tisch zu ihrem Mann hinsieht, kristallisiert sich die Situation ganz plötzlich um diesen Blick herum. Aber das wird auch gleich wieder aufgehoben.

Die dazu parallele Szene ist der Besuch der beiden beim Herzog von Lippoli. Wieder sieht man ausführliche Vorgangsbeschreibungen, Aufzugfahren, Türen auf- und zumachen, Begrüßungen, Geplapper, Ingrid Bergman wird von ein paar Leuten umringt und mit Komplimenten bedacht, dazu reden irgendwelche Prinzessinnen und Herzöge vom dolce-far-niente, dem "göttlichen Nichtstun", dem mißverstandenen, der schwierigen Kunst in der gehetzten Welt, aber das ist nicht als Karikatur gezeigt, und ganz zum Schluß gibt es dann den irritierten, eifersüchtigen Blick von George Sanders quer durch den Raum hinüber zu seiner Frau, die mit den Leuten lacht und scherzt. Diese Szenen/Situationen sind wie leichtschwingende Verse, bei denen erst in der letzten Zeile ein Ich und Du dreinfährt.